Waser AgnesWaser Agnes

Erinnerungen der Zeitzeugin Agnes Waser

Im August 1934 wurde ich in Vettweiß in der damaligen Sollergasse (heute Dürenerstraße), als ältestes Kind der Eheleute Peter - Stefan und Cordula Waser geb. Palm geboren.

Zwei Brüder, Hermann-Josef und Wilhelm, vervollständigten in den Jahren 1936 und 1941 die Familie. Die gesamte Familie hatte einen "besonderen" Status, den der Schweizer Nationalität. Kurz gesagt: Wir waren und sind Schweizer Bürger. Meine Urgroßeltern wohnten in der Ortschaft Oberrickenbach im Kanton Nidwalden in der Schweiz.

Sie hatten 7 Kinder und waren nicht gerade auf "Rosen" gebettet. Es herrschte in dieser Gegend bittere Armut, so dass sich ein Teil der Familie entschied, den Weg nach Deutschland zu suchen, um die Familie zu entlasten und ein eigenes Standbein zu suchen und zu finden.

So verabschiedeten sich im Jahre 1901 mein Großvater, Josef-Marie, zusammen mit 3 Brüdern und 1 Schwester von ihren Eltern und machten sich auf nach Deutschland. Sie hatten das Rheinland auserkoren. Meinen Großvater verschlug es nach Vettweiß. Hier lernte er auf einem Bauernhof Ida Larosch, eine Holländerin, kennen, die er alsbald heiratete. Sie wohnten "en de Bröck", dem heutigen Standort des Pfarrheims.

Bild vom 1936 zeigt Jungesellenverein aus dem Vettweißer Oberdorf:Stehend ganz rechts: Großvater Josef-Marie Waser

 

Die Ehe wurde "gesegnet" mit 5 Kindern. 4 Jungen und 1 Mädchen. Ich möchte die 4 Jungen einmal bei ihrem richtigen Namen und, für viele ältere Mitbürger sicherlich noch bestens bekannt, bei ihren "Spitznamen" nennen.

Peter Waser mein Vater, der "Duzz". Auf einem Plakat wurde für die Dürener Druckerei Hamel geworben, zusammen mit dem Konterfei eines Firmeninhabers, der Duzzender hieß. Da mein Vater diesem Herrn von Ansehen sehr nahe kam, eröffneten ihm seine Kameraden, dass er ebenfalls dieser "Duzzender" sein könnte. Fortan war der Name Duzz "Gesetz".

Heinrich Waser, genannt der "Stitzel". Groß und schlank von Statur, liebte er die Mode. Seine Vorliebe waren hohe Stiefel mit seitlich ausgestellten Knickerbockerhosen. So gekleidet, was nach damaliger Ansicht gestitzelt war, verhalf ihm zum Beinamen "Stitzel".

Wilhelm Waser, der "Bulle". Er war auf Burg Vettweiß, Hof Kreifelts, in der Landwirtschaft beschäftigt und da seine Arbeit sich bald auf die des Schweitzers beschränkte, er also "Herr" über Rinder- und Kuhstall war, war sein "Spitzname" nicht allzu weit hergeholt.

Sepp Waser, der Kuckuck. Sepp wohnte im Nachbarort Müddersheim nahe am Waldrand. Was lag da näher, als ihn zum "Kuckuck" auszurufen?

Im Jahr 1933 heiratete mein Vater Cordula Palm, die Tochter von Hermann-Josef und Agnes Palm geb. Paulus. Durch die Heirat erhielt auch meine Mutter die Schweizer Staatsangehörigkeit.

Anfangs arbeitete er, genau wie sein Vater und seine Brüder in der Landwirtschaft auf Burg Vettweiß, u.z. von 1926 bis zum Jahre 1936. Danach wechselte er in den Hoch- und Tiefbau der Firmen Freialdenhoven aus Düren sowie Wilhelm Winter aus Ginnick. Im Jahr 1940 trat er die Stelle eines LKW-Fahrers bei der Firma Autotransporte Heinrich Arenz aus Froitzheim an. Zusammen mit Engelbert Welsch transportierten sie Getreide, vorwiegend zu den Mühlen nach Düsseldorf und Köln. Auch transportierten sie die Milch der Bauern aus Mariaweiler, Echtz, Hoven und Gürzenich zur Molkerei nach Vettweiß.

Doch bald änderte sich das Blatt. Die LKW, vorwiegend leistungsfähige Magirus - Deutz, wurden konfisziert, die Fahrer in Uniformen gesteckt um für die "Organisation Todt" Material in Kriegsgebiete zu karren. Schweizer hin oder her, in diesem Moment wurde nicht danach gefragt. Die Organisation Todt war eine nach militärischem Vorbild organisierte Bautruppe, in olivgrüner Uniform, deren Aufgabengebiet es war, u.a. Bunker und Verkehrswege zu bauen.

So war auch mein Vater zu einer Fahrt nach Russland im Jahre 1942 eingeteilt.
Weit in Russland die große Überraschung, Peter Waser trifft unverhofft zwei Wehrmachtsangehörige aus Vettweiß, Josef Pütz und Hubert Erasmi, die mit einem Pferdefuhrwerk unterwegs waren.

Nach der Rückkehr und der Geburt von Sohn Wilhelm im Jahre 1941 genügte ein Gesuch beim Schweizer Konsulat und die Zwangsverpflichtung war ein für allemal Ende 1942 beendet. Jetzt führte er die Tätigkeit als Kraftfahrer bei den Firmen Arenz und Freialdenhoven in heimischen Gefilden fort.

Alle Angaben sind aus dem Arbeitsbuch meines Vaters ersichtlich. (siehe Anhang)

Waser LKW UniformPeter Waser mit LKW Mitte der 30ger Jahre und in OT Uniform

Ich besuchte den Kindergarten und wurde 1940 in Vettweiß eingeschult.

Die Zerstörung der Synagoge habe ich nicht miterlebt. Doch wie eine Kolonne von Nazis mit geschulterten Gewehren im Jahre 1940 die Vettweißer Juden aus ihren Häusern holten und im Feuerwehrhaus zusammentrieben, zwecks Deportation in die Vernichtungslager, dies haben wir von "Webers Eck" aus beobachten können.

Ich konnte bis zur Deportation die Freundschaft zu jüdischen Kindern aufrecht halten, ohne dass meine Eltern irgendwelchen Repressalien durch die Nazis ausgesetzt waren. Die Schweizer Staatsangehörigkeit ermöglichte es.

Dann der 30. November 1944.Angriff auf Vettweiß.
Die Tatsache des Pionierparks, Umschlagplatz für Frontnachschub Hürtgenwald, und ein großes Treibstofflager auf Burg Vettweiß, das den Amerikanern nicht unentdeckt blieb, war sicherlich Auslöser des Angriffs.

Wir Kinder hatten uns in der Schützenstraße aufgehalten, waren gerade zu Hause in der Sollergasse, als das Inferno begann. Eltern, Großeltern, Kinder alle in den Keller. Die Erde "bebte". Gegenstände versperrten teilweise den Kellereingang, aus dem uns Vater, der sich zu dieser Zeit im Frohnhof aufhielt, herausholte. Wir Kinder wurden auf freies Feld geschickt, wo wir uns Verstecke suchten um vor Tieffliegern sicher zu sein und von wo aus wir rauchende Trümmer und zerbombte Häuser sehen konnten.

Das Ausmaß des Todes und der Zerstörung ist ja hinreichend bekannt.
Danach suchten wir wie viele Ausgebombten und Anwohner der Verwüstungsschneise Zuflucht im Bunker des Pionierparks. Einige Tage nach dem Angriff und wegen der näher rückenden Front, auf in die Evakuierung. Beladen mit dem Notwendigsten und 7 Personen auf dem "Knollenwagen" war das Ziel Meschenich, nahe Brühl. Dort lebte Schweizer Verwandtschaft. Ein Bruder meines Opas.

Geheim, weil strengstens verboten, hörten mein Onkel und mein Vater den "feindlichen Radiosender" nächtens ab. Eines Tages erklärte mein Vater:" Et duurt net mie lang, dann senn mir wedde en Wyss." Der Sender hatte vermeldet, dass Kämpfe im "Frankenheimer Wald" (gemeint war Frangenheim) erfolgreich beendet wären und die Amerikaner auf dem Vormarsch in Richtung Köln seien.

Als die Amerikaner im März 1945 den Rhein bei Köln überquerten, ging es zurück nach Vettweiß, mit einem Pferdegespann, das Vater zwischenzeitlich aus Vettweiß geholt hatte. Auf dem Wagen war Platz für eine erstaunliche Anzahl an Personen:7x Waser/ Palm, Sepp Waser mit Frau und Tochter, Maria Koch mit Mutter und Frau Gittmann mit Sohn Barthel. Nach einem erzwungenen Zwischenstopp in Lechenich, Vorrang hatte der Nachschub der Amerikaner in Richtung Rhein, erreichten wir an Josefstag, dem 19. März Vettweiß. Noch anzumerken ist, dass wir auf einem der Transporte bestohlen wurden. Drei große Säcke mit Wäsche "wechselten" den Besitzer.

An die Sprengung der Kirche kann mein Bruder sich noch erinnern. Vom Marktplatz aus konnten viele Bewohner erleben wie der Kirchturm gesprengt wurde und langsam wie ein Kartenhaus in sich zusammenfiel.

Bild zeigt meine Mutter Cordula Wasser bei einem Karnevalsumzug. Im Hintergrund «Et Hörstert» (rechts) heute Praxis Dr. Lynker und die Vikarie (links), heute die «neue Post». Die «Schnelligkeit» eines Ochsen dokumentierend, trägt dieser ein Kopfschild «Fuchsjagd auf Gut Dirlau».Bild zeigt meine Mutter Cordula Wasser bei einem Karnevalsumzug. Im Hintergrund «Et Hörstert» (rechts) heute Praxis Dr. Lynker und die Vikarie (links), heute die «neue Post». Die «Schnelligkeit» eines Ochsen dokumentierend, trägt dieser ein Kopfschild «Fuchsjagd auf Gut Dirlau».

Sofort wurde sich um Arbeit bemüht, die dann auf dem Mönchhof in Vettweiß angetreten wurde, wobei mein Vater nebenher eine eigene kleine Landwirtschaft in Kooperation mit Karl Reufsteck, dem Vater von Anneliese Oepen betrieb. Als Zugtiere dienten nicht etwa Pferde, nein sie bedienten sich zweier Ochsen.

Vielen dürfte noch bekannt sein, dass meine Großeltern mehrere Ziegen ihr Eigen nannten. Darunter ein im Kreise Düren anerkannter und gekörter Ziegenbock. Wenn man so will: „Eine "Deckstation" für Ziegen.

In diesem Zusammenhang eine kleine Episode: Wie in vielen Familien, waren auch bei uns einige Soldaten einquartiert, die, wie überall, auch die Verpflegung der Familien genossen. So erhielt meine Großmutter viele Jahre nach Kriegsende Post von einem dieser Soldaten. Der Brief war, in Ermangelung des Namens und der genauen Adresse, an die "Ziegenmutter von Vettweiß" adressiert und angekommen.

Einige Monate nach Kriegsende wechselte ich in die Schweiz. Die dortige Organisation "pro juventute", die sich um das Wohlergehen, um Pflege und Schule für Kinder von "Auslandsschweizern" verdient machte, ermöglichte mir einen mehrjährigen Aufenthalt in Seebach im Kanton Zürich, wo ich die Schule zum Abschluß brachte und von wo aus ich nach einer langwierigen Krankheit genesen, 1948 nach Vettweiß zurückkehrte.

Um 1947 schlossen sich mein Vater, Arnold Tesch, Johann Malsbenden, Herr Koof aus Gladbach, aus Kelz die Herren Hambach und Koehnen und aus Froitzheim August Kolbe zu einer Musikkapelle zusammen. Die Kapelle war bald als "Duzz - Kapell" bekannt. Sie spielten landauf und landab, schlossen sich aber bald, da der Auftritte zu viele wurden, mit den Musikern der Kapelle Schönewald zusammen, die dann fast alle Feste in näherer und weiterer Umgebung bespielten.

Waser Peter Tuba2. von links: Peter Waser an der Tuba

 

 

Lohnenswert ein Blick in die Bildergalerie, dort ist das Bild, so glaube ich, eine Besonderheit zeigt, ja eine Rarität. Zur Hochzeit von Christian und Gretel Notarius hatte mein Vater Ochsen vor die Hochzeitskutsche gespannt, das verblüffte Brautpaar, das mit dem Zug von der Trauung aus Düren kam, am Vettweißer Bahnhof in Empfang genommen und zu einer Hochzeitsfahrt durch den Ort eingeladen.

Waser HochzeitskutscheHochzeitskutsche mit Ehepaar Notarius und Kutscher Peter Waser

Waser Herman WehrzeitDieses Bild zeigt meinen Bruder Hermann-Josef ,der seinen Wehrdienst in der Schweiz 1958 antrat. Es geschah ihm gnädig,da die Schweiz eine dreimonatige Rekrutenschule für ausreichen empfand.

 

Auch wenn unsere Eltern schon lange tot sind: Vater starb 1971 im Alter von 60 Jahren und Mutter im Jahre 1986 im Alter von 74 Jahren, so sind die Verbindungen zu unserem großen "Verwandtschaftsclan" ungebrochen, wobei Treffen des "Clans", ob in der Schweiz oder das "Schweizertreffen" der in Deutschland lebenden Schweizer Bürger ein absolutes Muss ist.