In Vettweiß ist nahezu in Vergessenheit geraten, dass unser Dorf ab dem Jahre 1794 für zwanzig Jahre ein Teil Frankreichs war. Wir waren hier in der Region also französische Staatsbürger deutscher Sprache.
Wie kam es dazu?
Die französische Revolution begann mit einer Erklärung des Dritten Standes der Nation. Die Ständeordnung in Frankreich bestand aus drei Ständen wobei im dritten Stand die freien Bürger und die Bauern mit über 95% Anteil an der Einwohnerzahl vereint waren. Als Träger des Volkswillens machte der Dritte Stand am 15. Mai 1789 mobil und mit der Erstürmung der Bastille am 17. Juli 1789, wurde das in Frankreich seit Jahrhunderten herrschende alte Regime (ancien regime) weggefegt und die französische Republik (république francaise) ausgerufen.
Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit (liberté, égalité, fraternité) waren von nun an die Leitlinien des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens in Frankreich. Dieses Gedankengut fiel auch bei vielen unserer Vorfahren auf fruchtbaren Boden, denn sie hielten die bisherige Feudalherrschaft, in der der Adel und die Kirche nach eigenem Recht und Gesetz alles bestimmten, und viele Menschen in Armut und Abhängigkeit ihr Leben fristeten, für antiquiert. Das revolutionäre Gedankengut der französischen Revolution verbreitete sich bald über die Grenzen Frankreichs hinaus aus. Es fiel auch in Deutschland bei weiten Teilen der Bevölkerung auf fruchtbaren Boden. Nach der Beschlussfassung der nunmehrigen französischen Nationalversammlung sollte der Rhein zukünftig die natürliche Ostgrenze Frankreichs bilden. Damit war die Eroberung der rheinischen Provinzen angesagt.
Am 02.10.1794 rückte die Armée de Sombre et Meuse in Düren ein und eroberte gleichzeitig auch das Dürener Land. Nun begann für die Bürger eine schlimme Zeit. Da es für die französischen Revolutionstruppen keinerlei Nachschubwesen aus dem Mutterland gab, waren sie gezwungen sich aus dem eroberten Land zu ernähren und mit allem Lebensnotwendigen zu versorgen. Es kam zu ausdrücklich genehmigten Plünderungen, Kontributionen (erzwungene Geldeintreibung), Konfiskationen (Entziehung von Eigentum), Zwangsräumungen, Einquartierungen und Dienstleistungen unterschiedlichster Art.
Die Frage nach Normalität und Ordnung in den eroberten Gebieten wurde von den Franzosen jedoch schnell gelöst. So wurde die bereits seit dem 28.10.1774 in ganz Frankreich praktizierte zivile Verwaltungsstruktur konsequent eingeführt. Die Beschlüsse der Nationalversammlung galten ab dem Jahre 1794 auch für unsere Heimat. Es würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen sämtliche Beschlüsse hier aufzuzählen.
Im Folgenden seien hier lediglich einige wesentliche Beschlussfassungen vermerkt:
Aufhebung des Feudalsystems und der Frondienste
Hierdurch wurde die Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung des Mittelalters, die auf Lehen, Hörigkeit und Kriegsdienst basierte weggefegt. Gleichfalls fiel für viele Menschen die Pflicht zur Ableistung von Frondiensten weg. Sie waren damit von einer riesigen Belastung entbunden.
Auflösung der Orden, Verstaatlichung der Kirchengüter
Einschneidend war jedoch die Verstaatlichung der Kirchengüter sowie die Auflösung der katholischen Männerorden. Die Frauenorden wurden nicht aufgelöst, denn man konnte auf die segensreiche Hilfe der Ordensfrauen in der Alten- und Krankenpflege nicht verzichten. Die Verstaatlichung der Kirchengüter wurde auch in Vettweiß realisiert. So wurden der zur Abtei Groß St. Martin in Köln gehörende Mönchhof und der zum Stift. St. Maria ad gradus in Köln gehörende Frohnhof verstaatlicht. Gleichfalls fiel der einigen ortsfremden Kirchen und Orden gehörende Streubesitz an Land unter die Verstaatlichung.
An dieser Stelle sei folgendes festgehalten:
In Vettweiß gab es zwar kein Kloster aber einen Benediktinermönch, nämlich Franziskus Krosch. Er wurde am 13.06.1757 auf dem Mönchhof geboren. In jungen Jahren trat Franziskus in den Benediktinerorden ein und lebte als Mönch mit Namen Bruder Martinus in der Abtei des Ordens auf dem Abteiberg in Mönchengladbach. Im Jahre 1802 wurde das Kloster säkularisiert. Die noch vorhandenen Ordensmitglieder gingen auseinander, wobei die meisten in ihre Heimatorte zurückkehrten, so auch Martinus, der seinen ursprünglichen Namen Franziskus wieder annahm. Franziskus lebte bis zu seinem Tode am 05.01.1828 in seinem Elternhaus dem Mönchhof. Er starb im 71. Lebensjahr, im 43. Jahr seines Priesteramtes, an einer Brust- und katharischen Erkrankung. Begraben wurde Franziskus auf dem Kirchhof in Vettweiß unmittelbar neben dem Missionskreuz. Sein Grab besteht nicht mehr; es ist inzwischen eingeebnet.
Abschaffung des kirchlichen Zehnten
Bei dem kirchlichen Zehnten handelte es sich um eine Steuer, wonach die Grundeigentümer 10 % ihrer Erträgnisse abgeben mussten. Sie betrafen nicht nur Geld, sondern in erster Linie Ernteerträge, Vieh sowie Sachleistungen, Hand- und Spanndienste und Güter unterschiedlichster Art.
Im Zusammenhang mit der Abschaffung des Zehnten wurde das gesamte Kirchengut zu Staatseigentum erklärt.
Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte
Im Zuge dieser Erklärung sollte für alle Bürger Frankreichs folgende Leitlinie gelten:
Liberté, Egalité, Fraternité
Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit
Bald stellte sich heraus, dass die Freiheit, die Gleichheit und die Brüderlichkeit zwar hehre Worte waren, aber sie standen von wenigen Ausnahmen abgesehen nur auf dem Papier. Unverändert war die Bevölkerung vielen Zwängen unterworfen, bedingungslose Freiheit war nur ein Wunschtraum. Genau so war es mit der Gleichheit. Die Menschen sollten zwar vor dem Gesetz gleich sein, aber das erwies sich als graue Theorie. Ungleichheit unter den Menschen gab es nach wie vor. Unverändert erwies sich auch die Brüderlichkeit, nämlich das tatsächliche soziale und solidarische Verhalten der Menschen miteinander und untereinander als graue Theorie. Immer wieder kam es zu Ereignissen, die im krassen Gegensatz zum Prinzip der Brüderlichkeit standen.
Aufteilung des Landes in 83 Departements
Die von den Franzosen vorgenommene Aufteilung des eroberten Landes erfolgte konsequent nach französischem Vorbild. Vettweiß gehörte jetzt zum Canton Froitzheim, Arrondissemt Aachen im Département de la Roer. Gemessen an der damaligen Einwohnerzahl war der Canton Froitzheim mit 8156 Einwohnern der kleinste von den 11 Cantonen des Arrondissement Aachen. Zum Canton Froitzheim gehörten damals die Orte Abenden, Berg, Bergstein, Blens, Boich, Brandenberg, Bürvenich, Disternich, Drove, Embken, Eppenich, Froitzheim, Füssenich, Geich, Gladbach, Ginnick, Jakobwüllesheim, Juntersdorf, Kelz. Maubach, Müddersheim, Nideggen, Pissenheim (Muldenau), Sievernich, Soller, Thum, Thuir, Üdingen, Vettweiß und Wollersheim.
Es war das Bestreben der Nationalversammlung die eroberten Gebiete unverzüglich den Gegebenheiten Frankreichs anzupassen. So wurde bereits am 28.10.1794 die zivile Verwaltungsstruktur nach französischem Muster eingeführt. Arbeit und Aufsicht über die Erlasse wurden von 1798 – 1800 dem Agent Municipal (Gemeindevertreter) Heinrich Müller übertragen. Er wurde durch Joseph Chapuirz ersetzt, der das Amt des Maire (Bürgermeister) von 1801-1812 ausübte.
Die Menschen wurden mit vielen Neuerungen konfrontiert, die sich teils als gut, teils als gewöhnungsbedürftig, teils aber auch als nicht realisierbar erwiesen. So wurde der am 15.01.1789 eingeführte Revolutionskalender (calendrier révolutionaire francais) von Napoleon bereits am 01.01.1806 wieder abgeschafft. Es galt wieder der altbewährte gregorianische Kalender.
Die französische Sprache wurde zur Amtssprache, d.h. alle Verträge, bedeutende Schreiben und amtliche Verlautbarungen wurden in französischer Sprache verfasst und mit einem einheitlichen Stempel versehen. Für die einfache Bevölkerung ergab sich hierdurch anfangs ein schier unüberwindliches Kommunikationsproblem. Man musste diese fremde Sprache wohl oder übel lernen. Dies war nicht einfach, das Ergebnis war dann ein schier unverständliches Kauderwelsch. Für das Zusammenleben der Menschen war der von den Franzosen eingeführte code civil von Bedeutung, ein gutes Gesetz, das erst mit der Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) im Jahre 1900 nicht mehr angewendet wurde.
Natürlich konnte die in ihren Anfängen befindliche Industrie, Handel, Landwirtschaft und Gewerbe nur funktionieren, wenn die finanziellen Angelegenheiten vereinheitlicht wurden. Das konnte nur über eine einheitliche Währung gelingen. So wurde ebenfalls im Jahre 1794 der Franc als einheitliche, allgemein gültige Währung eingeführt.
Die bis zu diesem Zeitpunkt im Umlauf befindlichen Assignaten (Schuldverschreibungen) verloren an Wert und wurden bereits am 21.05.1797 für ungültig erklärt.
Große Verdienste erwarben sich die Franzosen durch die Einrichtung der Katasterämter. Ihre Aufgabe bestand darin, sämtliche Flurstücke in einem Liegenschaftskataster (cadastre) kartographisch zu erfassen. Dabei wurde jedes einzelne Grundstück vermessen, der genaue Standort in einer Flurkarte kodifiziert und die Art der Nutzung festgehalten. Gleichfalls wurden die Katasterämter verpflichtet staatliche Urkunden über die Geburten, Sterbefälle und Zivilehen zu verfassen. Diese Daten wurden bisher lediglich von den einzelnen Ortskirchen erfasst und verwaltet.
Die Übernahme dieser Funktion ist auch als ein Zeichen der konsequenten Trennung von Kirche und Staat anzusehen. Man kann ein Land nur ordnungsmäßig verwalten und regieren, wenn der Regierende genaue Kenntnisse über seine Bürger hat. Entsprechend dieser Erkenntnis haben die Franzosen in den von ihnen eroberten Gebieten sehr bald Volkszählungen durchgeführt, so auch im Canton de Froitzheim. So erhält die Liste von Nideggen, Hauptort der Marie, von Vettweiß liegt sie leider nicht vor, folgende Angaben: Hausnummer, Namen der Hausbewohner, Familienstand, Alter der Personen, Religionszugehörigkeit, Beruf. Aufgrund dieser Daten war der verantwortliche Maire über seine Bürger im Wesentlichen informiert.
Dies war insbesondere wichtig für die Erfassung der Daten für den Wehrdienst, denn alle wehrpflichtigen Männer mussten in der eroberungs- und Besatzungsarmee der Franzosen dienen. Ein besonderes Verdienst ist den Franzosen durch die topographische Aufnahme der rheinischen Gebiete zuzurechnen. Der französische Ingenieurgeograph Oberst Tranchot hat auch unsere Heimat sehr genau kartographiert. Ein Belegexemplar dieser Karten befindet sich im Archiv des HGV. Es zeigt in anschaulicher Weise, wie unsere Heimat in dieser Zeit einmal aussah. Immer wieder wird es von Besuchern unseres Museums mit großem Interesse angeschaut und bewundert.
Zwanzig Jahre Zugehörigkeit zu Frankreich, eine Zeit, die nicht ohne Probleme war, denn Vorteile und Nachteile lagen eng beieinander. Das wirkte sich auch auf die Meinung und das Verhalten der Bevölkerung aus. Weite Teile unserer Vorfahren konnten sich mit der ihnen übergestülpten neuen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung nicht anfreunden. Sie hatten sich die versprochene Zukunft hinsichtlich der Leitlinien, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit völlig anders vorgestellt und lehnten das neue System strikt ab. Andere wiederum ertrugen das neue System mit stoischer Ruhe. Sie passten sich den Neuerungen an und lebten nach der Leitlinie: et hätt noch immer widder joot jejange.
Viele wurden jedoch zu begeisterten Republikanern. Sie unterstützten und trugen das neue System mit aller Kraft und machten in der Wirtschaft, in der Gesellschaft und in der französischen Armee Karriere. Hierzu gehörte auch der im Jahre 1764 in Vettweiß geborene Hermann Josef Meller, der sich später German Joseph Meller nannte. Meller war Republikaner mit Leib und Seele, machte Karriere und hatte Rang und Namen in der damaligen Gesellschaft. Er war Präsident des Kriminalgerichtshofs des Rurdepartements Aachen und Mitglied des Appellationsgerichts in Lüttich. Im Jahre 1810 wurde er zum Chevalier de l’Empire ernannt, in der damaligen Zeit eine hohe Auszeichnung.
Im Übrigen war Chevalier Meller der einzige aus dem Kanton Froitzheim stammende Ehrenlegionär. Meller lebte in Aachen. Er war verheiratet mit Marie Anne Francoise Darabiat. Sie hatten eine Tochter und waren reich begütert. Meller verstarb im Jahre 1836. In den Annalen wird ferner noch ein Hubert Meller genannt. Er lebte auf dem Mönchhof und war percepteur des contributions, Steuereinnehmer für die Franzosen.
Was blieb von dieser turbulenten Zeit übrig und woran erkennen wir, dass wir einmal zu Frankreich gehörten? Das ist in erster Linie unsere ripuarische Muttersprache. Hier finden wir noch viele Worte französischen Ursprungs, sogenannte Gallizismen, die heute noch verwendet werden, allerdings mit rückläufiger Tendenz, denn die meisten jungen Menschen sprechen leider unser Platt nicht mehr.
Damit nichts verloren geht, haben wir im Folgenden einige wesentliche Worte französischen Ursprungs festgehalten.

Dem unter Napoleon errichteten französischen Kaiserreich war, wie die Geschichte zeigt, keine lange Dauer beschieden. Der Eroberungsdrang des grand l’empereurs wurde durch den Krieg gegen Russland einschneidend beendet. Die Eroberung von Moskau als erhofftes Winterquartier wurde durch Großbrände in der Stadt, von den Russen selbst gelegt, zunichte gemacht. Väterchen Frost war nun der größte Gegner. Bei klirrendem Frost begann jetzt ein verlustreicher Rückzug.
In der Völkerschlacht bei Leipzig vom 16. bis 19. Oktober des Jahres 1813 wurde die geschwächte französische Armee von den verbündeten Truppen aus Russland, Preußen, Österreich und Schweden einschneidend besiegt; Napoleon zog die Reste seiner grande armee über den Rhein zurück. Die Verbündeten setzten nach und überquerten baldmöglichst den Rhein, so Blücher in der Neujahrsnacht 1813/14 mit der schlesischen Armee bei Kaub, und rückten dann kämpfend im Westen vor. Ziel war, die Franzosen entscheidend ganz zu besiegen und das französische Kaiserreich zu zerschlagen.
So rückten bereits am 14./15. Januar 1814 die ersten Truppen der Verbündeten, es handelte sich um Kosaken und weitere russische Einheiten, in Düren und auch in den umliegenden Ortschaften ein.
Damit war die „Franzosenzeit“ für unser Dorf vorbei; ein Kapitel unserer Dorfgeschichte wurde damit zugeschlagen. Wir waren keine „Franzosen“ mehr, sondern „Preußen“.
Im Januar 2026
Dr.Hermann Courth