Portrait Sibille OatwaySibille Oatway, geb. Tesch Die Zeitzeugin Sibille Oatway, geb. Tesch, aus Vettweiß berichtet anlässlich eines Gespräches vom 27.02.2013 in ihrer Wohnung in Düren in Gegenwart von Günter Esser und Theo Pütz wie folgt:

Ich wurde 1935 in Vettweiß in der Küchengasse im Hause der Familie Haas (auch bekannt unter dem Begriff Haase Trien) als älteste Tochter der Eheleute Heinrich und Klara Tesch, geb. Wallraff, geboren. Heute handelt es sich bei diesem Haus um die rückwärtige Einfahrt zum Anwesen Schall.

Es ist das erste Haus auf der linken Seite in der Küchengasse. Ich habe mein Geburtshaus im Heft des VfR Vettweiß auf Seite 141 erkannt und hätte es auch gerne in meinem Bericht mit drin. Neben mir gibt es noch vier Geschwister, die auch alle in Vettweiß geboren und getauft sind. Von der Küchengasse zogen wir etwa 1941 um in eine Mietwohnung der Familie Beyss. Es war eine Wohnung neben der bekannten Krautfabrik (heute die hässlichste Ruine der Gemeinde) in unmittelbarer Nähe zum großen militärischen Pionierpark (heutiger Bauhof).


Ich besuchte ab dem Jahre 1938 den kath. Kindergarten, der von den Ordensschwestern der Cellitinnen geleitet wurde, denen aber durch die NSDAP gegen Ende der 30er Jahre die Leitung untersagt wurde, so dass eine stramme Parteigenossin, wir nannten sie nur „Tante Hildegard“, fortan die Leitung übernahm.

Mein inzwischen geborener Bruder Hermann (gen. Menn) und ich waren an Mumps erkrankt und schliefen in der Nacht vom 09. auf den 10. November 1938 bei Opa und Oma Tesch, weil unsere Mutter am anderen Tag morgens ganz früh mit dem Fahrrad nach Düren fahren wollte. Deshalb waren wir zwei in der Obhut unserer Großeltern (heutiges Haus meines Vetters Hermann Siemen). In dieser Nacht muss es an der Synagoge gebrannt haben. Als wir morgens aufstanden, brannte es immer noch leicht dort und wir konnten sehen, dass dort etwas zerstört worden war. Wo meine beiden anderen Geschwister in dieser Nacht untergebracht waren, kann ich nicht mehr sagen. Es fällt mir nicht ein.

Dieses Ereignis am 09.11.1938 wurde mir erst viel später als Reichskristallnacht bekannt. Ich war ja zu diesem Zeitpunkt erst knapp vier Jahre alt, kann mich aber gut daran erinnern, weil ja das ganze Dorf hiervon etwas mitbekommen hatte.

Eingeschult wurde ich dann im August 1941 und besuchte die Kath. Volksschule in der heutigen Schulstraße. Neben dem Schulrektor Benno Engels waren noch Frau Mang und Herr Kapellmann dort als Lehrpersonen tätig. Frau Mang ist mir noch als sehr resolute Person in Erinnerung. Vor ihr hatten wir schon Angst, da hatte sie noch gar nicht angefangen. Später nach dem Krieg war eine Frau Jonas unsere Lehrerin.

 Vettweiss Alte-Schule Marktplatz

An ein Klassenfoto kann ich mich im Augenblick nicht erinnern, möglicherweise wurde bei der Schulentlassung ein Foto gemacht. Ich kann mich gezielt daran erinnern, dass ich im Auftrag von Frau Mang ein Frühlingsgedicht an die Tafel schreiben sollte. Dann stellten wir uns zum Foto unter der Tafel auf. Hierbei waren meiner Erinnerung nach u.a. Martin Krings, Willi Michels, „Pinei“ Spilles, Bernd Wollersheim, Erika Hürtgen, Annegret Schmitz, verh. Schlömer, Christine Becker, verh. Plaß, Kathi Kallscheuer, verh. Pielen, Agnes Waser und Peter Rubel. Zur Kommunion ging ich dann im Jahre 1944 noch in die alte Kirche.

Nach dem Krieg durften wir wegen den noch im Ort befindlichen Amerikanern zunächst nicht in unsere Wohnung an der Krautfabrik zurück und kamen dann vorübergehend in der Vikarie in der Küchengasse wieder unter. Ich erinnere mich noch gut, dass wir hier vom Bett aus durch ein Loch im Dach die Sterne sehen konnten. Irgendwann wurde aber die alte Wohnung in der Krautfabrik wieder frei und wir zogen erneut um.
Ca. 1948 zogen wir letztmalig in Vettweiß um in eine Mietwohnung am Marktplatz. Es handelte sich um die alte Schule, wo wir oben rechts eine Wohnung hatten. Als mein Vater etwa 1968 in Rente  ging, sind diese nach Düren in die Van-der-Giese-Straße umgezogen. Zu der Zeit war ich bereits mit meiner eigenen Familie in Düren wohnhaft.

Meine Kriegserlebnisse habe ich wie folgt noch in Erinnerung:

Neben unserer Wohnung befand sich der Pionierpark, der an den Wochenenden unser „Spielplatz“ war. Die dort befindliche Lore nutzten wir immer als Fahrzeug. Damit konnte man bis nach Dirlau fahren. Wir drückten sie nach ganz oben und sprangen dann auf die Wagen. Bei einer solchen Tour mit der Lore ist der Wagen meinem Bruder über den Fuß gerollt und er hat sich dabei den Zeh gebrochen. Wir haben das zu Hause aber so nicht erzählt mit der Lore. Hieran erinnere ich mich deshalb noch so genau, weil wir meinen Bruder Hermann mit einem alten Kinderwagen immer zur Schule fahren mussten. Sein Bein wurde dann geschient und meine Mutter wollte den nicht ins Krankenhaus bringen, weil ja um uns herum schon Bombenangriffe waren.

Diese Pioniere haben einen Stollen hinter unserem Wohnhaus gegraben, in den wir immer dann, wenn Fliegeralarm war, gehen mussten. Da haben wir monatelang drin „gewohnt“, weil ja stets der Bahnhof angegriffen wurde. Es war auch schon die Rede von Bombardierungen in Hürtgenwald, die täglich näher kamen. In dieser Zeit wurde auch unser Stollen zum ersten Mal durch Tiefflieger erschüttert. Meine Schwestern Marianne und Paula schliefen gerade unter einer Bank, so dass der von der Decke herabfallende Dreck sie nicht treffen konnte. Da wir in Bahnhofsnähe wohnten, waren wir immer Ziel von feindlichen Tieffliegern. In diesem Zusammenhang kann ich mich noch an den Bahnhofsvorsteher Kurt Krüll und die Gaststätte Henn im Bahnhofsgebäude erinnern.

Mein Vater war im Frohnhof bei der Familie Courth in der Landwirtschaft tätig und wurde anfangs vom Militärdienst freigestellt. Er war aber kurzfristig am Bau des Westwalls beteiligt. Da man in der Landwirtschaft wichtige Ernährungsquellen für die Soldaten sah, kam mein Vater nach kurzer Zeit wieder in den Betrieb der Familie Courth zurück.
Meine Mutter hat bei der jüdischen Familie Moritz Pollack als Köchin gearbeitet. Der Mann war Getreidehändler und sein Haus steht heute noch mit der Bezeichnung Gereonstraße 10 gegenüber der Apotheke. Hier arbeitete meine Mutter bis zu ihrer Verheiratung mit meinem Vater 1934. Die Beschäftigung meiner Mutter im Hause Pollack war den „Größen“ der Ortspartei ein Dorn im Auge. Dem hiesigen Theaterverein, der oftmals die Passion spielte, wurde von diesen Leuten untersagt, dass mein Vater weiterhin den Jesus spielte, da meine Mutter als Köchin bei Juden gearbeitet habe.

Nach dem Brand der Synagoge begann bereits die schlimme Zeit vor dem eigentlichen Krieg. Es wurde öffentlich von einigen untersagt, dass man nicht bei Juden einkaufen oder arbeiten sollte. Hieran hielten sich jedoch nicht immer alle. Ich glaube, es war das Jahr 1940/1941 als die verbliebenen Juden aus ihren Häusern geholt und im Spritzenhaus festgesetzt, alsdann nach Köln verbracht und von dort in die Todeslager verbracht wurden. Auch die Familie Pollack war dabei, die Mitte der 30er Jahre hätte emigrieren können. Doch Herr Pollack vertrat stets die Meinung, er habe niemandem etwas getan und man werde sie schon in Ruhe lassen.

Ein fataler Irrtum.

Am Tag des Bombenangriffs auf Vettweiß am 30.11.1944, gegen 10.30 h, hieß es auf einmal im Stollen, das Dorf sei bombardiert worden und es brenne dort. Mein Vater war unterwegs, um zwei Liter Milch beim Bauern Courth zu holen. Mein Vater erlebte den Angriff am Bauernhof des Wilhelm Erasmi hinter einer Mauer liegend und wirkte noch zu Hause wie paralysiert. Das Haus unserer Tante Kethe (verh. mit Rony Engels) hatte einen Volltreffer erlitten. Tante Kethe wurde durch die Wucht der Explosion bis nah an die Feldscheune Heinrichs geschleudert, während ihr Sohn Bernhard wie viele andere Opfer des Angriffs wurde. Weil mit weiteren Angriffen zu rechnen war, wollte meine Mutter daraufhin beim Frohnhof Wagen und Pferd besorgen und damit Vettweiß verlassen. Opa Tesch wollte das aber zunächst nicht und sagte „Ich kann he sterve.“ Schließlich hat er für sich, Anna Tesch (verh. Siemen), Tante Paula (Paula Tesch, verh. Paulus), Kethe Tesch (verh. Engels) und Hans Josef Paulus jedoch einen Ochsen und einen Karren von Familie Klein besorgt. Unsere Familie, meine Eltern und Geschwister, hatten ein Pferd und einen Karren. Zwei Tage nach dem Bombenangriff - es war der 02.12.1944 - verließen wir dann alle zusammen mit unseren Karren Vettweiß und fuhren bis nach Kuchenheim im Kreis Euskirchen, wo wir ein paar Tage blieben. Mein Vater und Katharina Engels sind aber dann abends noch einmal zurück nach Vettweiß gefahren, um im Schutt des Hauses der Eheleute Rony Engels nach dem 8jährigen Kind Bernhard Engels zu suchen. 

Meine Mutter hat immer gesagt, wir mussten weg, weil die Soldaten uns nicht mehr um sich haben wollten. Die Front kam ja auch immer näher und wir hätten mitten drin gelegen, wenn wir in Vettweiß geblieben wären. Am 05.12.1944 erreichten wird den Stadtteil Bonn-Endenich und wurden von Soldaten in ein Haus eingewiesen. Wir waren zunächst mit unserer Familie allein und am nächsten Tag kamen die anderen nach. Trotz all dem Unglück kann ich mich noch daran erinnern, dass der Hausherr uns Kindern Äpfel ins Zimmer rollte, weil ja Nikolaus war. Schon am nächsten Tag mussten wir weiter und ich ging mit meiner Mutter auf Nahrungssuche. Während wir uns noch auf der linksrheinischen Seite befanden, wurden unsere Karren allerdings vorher schon auf die andere Rheinseite gebracht. Nach Alarmende machten wir uns auf den Weg und trafen auf der Rheinbrücke den alten Herrn Keus aus Vettweiß, der uns sagte, wo unsere Karren auf der anderen Rheinseite genau stünden.

Doch auch hier konnten wir nicht bleiben und waren nirgends gut angesehen. Wir mussten nach Niederpleis im Siegkreis, wo wir von Soldaten eingewiesen wurden und hier etwa acht Tage gewohnt haben. Dort schliefen wir auf Stroh und Opa Josef Tesch (Schuhmachermeister), der alte „Knotterer“- hatte immer noch seine blaue Schusterschürze an, die er auch bis zum vorläufigen Ende unserer Flucht in Thüringen noch anbehielt. Am letzten Tag abends in Niederpleis mussten wir alle in eine Turnhalle und uns einen dort bereit liegenden Strohsack nehmen, um darauf die Nacht zu verbringen.

Von Niederpleis ging es weiter nach Siegburg zum Bahnhof, wo wir abends in einen Zug bis  Braunschweig einsteigen sollten. In Siegburg hieß es dann „Sie kommen in die Nähe von Braunschweig, dort werden Sie verteilt.“ Da in Braunschweig schon viel bombardiert worden war, wurden wir umgeleitet in Richtung Thüringen.
Onkel Schang (Johann Paulus) musste wohl für den Hausbesitzer Beyss - Eigentümer des Wohnhauses neben der Krautfabrik - immer nach Thüringen fahren und kannte deshalb jemanden in Sonneberg. Also wollten wir dorthin und dann weiter nach Neuhaus am Rennweg. Noch in Siegburg hatten Onkel Schang und mein Vater Pferd, Ochsen und die Karren verkauft.

Das Geld wurde sicherheitshalber in die Mäntel eingenäht. Davon wollten wir ja Pferd und Karren von Familie Courth bezahlen.
Als wir schließlich kurz vor Weihnachten in Sonneberg eintrafen, waren Heinz, Arnold und Helene Tesch bereits dort. Mit welchem Transport die dorthin gekommen waren, kann ich nicht sagen. Nach zwei oder drei Tagen wurden wir dann verteilt und kamen nach Neuhaus am Rennweg. Es lag reichlich Schnee hier und es war zeitlich noch vor Weihnachten. Mein Vater konnte in Neuhaus bei einem Fuhrunternehmer als Kurierfahrer für die Fa. Telefunken arbeiten und hat dann im Rahmen einer Kurierfahrt in Steinheid auch Familie Arnold Tesch getroffen. In Neuhaus stießen Bernhard, Mathias und „Nellchen“ Schmitz noch zu uns, so dass viele Vettweißer in Thüringen evakuiert waren.

Alte-Kirche Thueringen NeuhausDer Ort wo die Firma Telefunken war, hatte keinen Bahnanschluss und deshalb wurden Leute gesucht, die als Fuhrmann eingestellt wurden. Der arme Kerl musste dann erstmals in seinem Leben mit Pferd und breitem Schlitten fahren, das hatte er ja noch nie gemacht. Johann Paulus musste auch in dem Telefunkenwerk arbeiten. Er und mein Vater brauchten von dort nicht mehr in den Krieg, weil ja Rüstungsbetriebe wichtig waren. Tante Kethe (Katharina Tesch, verh. Engels) konnte sich mit Nähen über Wasser halten. In der Not machte sich jeder irgendwie nützlich. Josef Tesch machte Schuhe für die Leute im Ort und konnte gut davon leben. Er hatte sich um einen Stuhl einen Rand gemacht, damit ihm bei der Arbeit nichts runter fallen würde.

Neuhaus war zu dieser Zeit bereits ein Luftkurort und wir kamen glücklicherweise in einer leerstehenden Ferienpension unter, weil wir vier kleine Kinder hatten. Hier lernten wir Leute aus Heimbach und Merzenich kennen. Wir hatten auch in unmittelbarer Nähe eine lange Halle, in der eine Kegelbahn war. Da war niemand, der klopfte und sagte, es sei zu laut. Johann Paulus, Kethe Engels, Anna Tesch und Opa Josef Tesch waren anderswo in der Nähe und räumlich viel enger untergebracht.
Rennweg 1944 Thueringen Neuhaus

Die evakuierten Kinder aus dem Rheinland waren hier  alle zusammen und trafen sich dort. Nachher kamen auch noch Leute aus Ostpreußen nach Neuhaus. Ich kann nicht viel dazu sagen, wie wir dort aufgenommen wurden, weil kaum Kontakt bestand. Sie sagten zu uns, wir seien „die Fremme“ (die Fremden). Ich hatte eine einheimische Freundin von gegenüber, die nannte man Mary und die durfte auch mit uns spielen.

Auch werde ich nicht vergessen, dass wir kein Salz hatten. Mein Bruder Menn (Hermann) und ich wurden dann irgendwo durch den Wald zu einem Milchgeschäft geschickt, um uns getrennt voneinander in eine wartende Schlange Menschen anzustellen, damit wir jeder ¼ Pfund Salz bekommen konnten. Mein Bruder hatte Angst, schaute dauernd nach mir, weil zwischen uns noch zwei Frauen standen. Die anderen kriegten dann mit, dass wir zusammen gehörten und wollten nicht, dass wir zwei Päckchen bekamen. Schließlich schafften wir es jedoch, unbehelligt unsere Wohnung mit den Salzpackungen zu erreichen. Meine Mutter war ebenfalls ständig auf der

Suche nach Tauschwaren, um an Lebensmittel zu kommen, sie kochte dann Kartoffeln aber ohne Salz. Sie war Tage unterwegs, um die von Opa gemachten Schuhe gegen Nahrungsmittel einzutauschen.

Doch auch in Neuhaus blieben wir vom Bombenterror nicht verschont. Die Amerikaner erreichten ebenfalls den Ort und besetzten diesen. Wir waren also dann in der amerikanisch besetzten Zone. In einer Nacht gerieten wir unter Beschuss und Papa sagte, dass etwas passieren werde und wir schon mal alles Brot holen sollten. Er wollte Vorsorge treffen. Meine Mutter ging dann mit mir in die Bäckerei und die Frau des dortigen Bürgermeisters meinte noch großspurig, es könne nichts passieren, man vertraue auf den Führer. Kurz darauf schlugen auch schon die ersten Bomben nachts ein und ihr Mann, dem ohnehin schon ein Arm fehlte, kam dabei zu Tode. Wir sind kurzfristig aus unserer Wohnung raus und auf einen Berg geflüchtet. Gegenüber von uns war die alte Schule, die dann plötzlich brannte. Die Granaten kamen aber nicht bis zu unserem Standort, so dass wir dort sicher waren.

Und dann kamen sie: Die Amerikaner, Gott sei gedankt. In langer Reihe zogen sie durch den Ort. Dieses Ereignis werde ich nie vergessen, ja es war ein Erlebnis. Ich sah zum ersten Mal einen farbigen Menschen in natura. Dieser farbige Soldat ging vorneweg, hatte einen Schirm aufgespannt, auf dessen Spitze ein Stoffteddy aufgepflanzt war. Mögen auch manche mir dies nicht abnehmen wollen, es ist Tatsache.

Im August 1945 erreichten die Russen Neuhaus und wir kamen unter deren Besatzung. Die Amerikaner zogen weiter nach Berlin. Zwei oder dreimal hieß es, dass alle Rheinländer zurück in die Heimat könnten. Das ging jedoch nicht so einfach. In Coburg wurden wir dann in ein Sammellager geschickt. Auf der Fahrt dahin habe ich auf der Ladefläche eines LKW gesessen und beinahe ein Bein verloren, weil ein anderer LKW uns gerammt hat und Eisenteile von diesem Fahrzeug mein Bein getroffen haben. Es ist aber noch einmal gut gegangen. Wir wollten also in Hof über die Grenze nach Bayern. Das war nicht möglich, weil die Amerikaner uns nicht durchließen. Also mussten wir wieder zurück nach Neuhaus. Da hatten sich mittlerweile andere Leute in unserer Wohnung eingenistet. 

Wir wussten, dass es bei Hof Schleuser gab, die Leute gegen Bezahlung über die Grenze brachten. Meine Mutter versuchte dort zwei Tage lang, an solche Leute zu geraten, was ihr schließlich auch gelang, indem sie unseren gummibereiften Heuwagen als Zahlung anbot.

Dann war es soweit: Rucksäcke geschultert, auf zum Treffpunkt an der Demarkationslinie. Wir mussten uns im Wald verstecken und auf die Dunkelheit warten. Die Schleuser tauchten auf. Meinen Schwestern Marianne und Paula wurde der Mund verbunden, damit sie uns nicht durch ihre Stimmen verraten konnten.
Opa Tesch und seine anderen Familienangehörigen haben es an diesem Abend nicht geschafft, über die Grenze zu kommen. Sie wurden von den Russen angehalten. Anna Tesch (verh. Siemen) und Kethe Engels haben wohl noch Schmuck abgegeben, damit sie weiter konnten. Das durften die Russen zu dem Zeitpunkt ja eigentlich nicht mehr annehmen und brachten sie dann an die Grenze. Letztlich kamen sie erst eine Woche später rüber. 

Als wir es schließlich geschafft hatten, konnten wir mit einem LKW mitfahren, dessen Fahrer ein Deutscher war, der für die Amerikaner arbeitete. Er nahm uns dann mit bis nach Würzburg zum Bahnhof. Hier wartete eine neue Hiobsbotschaft auf uns, denn der Bahnhof lag total in Schutt und Asche. Die ganzen Straßen waren voll von Soldaten und Heimkehrern. Wie sich später erst herausstellte, sollten wir von dort eine Woche brauchen, um nach Hause zu gelangen. Wir hatten mittlerweile Oktober 1945.

In Würzburg gerieten wir dann glücklicherweise an einen Soldaten mit einer Frau, die uns beide  weiterhelfen konnten. Vielleicht haben sie uns auch nur geholfen, weil wir mehrere kleine Kinder hatten, wer weiß? Jedenfalls waren wir mit ihrer Hilfe in der Lage, die Sperre am Bahnhof zu passieren. Erneut war uns das Schicksal gut gesonnen und ein Wachwechsel sollte uns dienlich sein. In einer solchen Phase gelangten wir dann auf den Bahnsteig. Letztlich hatten wir abermals Glück und konnten auf einen Zug mit leeren Waggons aufsteigen, der nach Dortmund fuhr. Der Zug blieb dann auch mal längere Zeit stehen, bis es dann weiter ging.

Vater, Mutter und wir vier Kinder fuhren dann also hoffnungsfroh von Würzburg los und erreichten erst eine Woche später in Köln das rechtsrheinische Ufer. Hier mussten wir in eine Sammelstelle, wo zunächst eine Entlausung angesagt war. Da die Hohenzollernbrücke von der Wehrmacht gesprengt wurde, gab es lediglich eine Pontonbrücke (schwimmende Pionierbrücke), über die wir in den linksrheinischen Bereich gelangen konnten. Aber auch das war nicht so ohne fremde Hilfe möglich. Erneut benötigten wir einen Schlepper, der uns dann bei Dunkelheit auf das rettende und heimatnahe Ufer bringen konnte. Ich kann mich überhaupt nicht mehr erinnern, was wir hierfür wieder haben bezahlen oder geben müssen. Vater meinte: „Jezz hann mir et baal jeschaff.“ 

Wir schafften es auf jeden Fall und mussten dann über Euskirchen in Richtung Vettweiß fahren. Glücklich und erleichtert erreichten wir dann im Oktober 1945 unseren Heimatort Vettweiß. Insgesamt waren wir also vom 02.12.1944 bis Oktober 1945 unterwegs und fern der Heimat. Man kann von Glück sagen, dass wir das alle heil überstanden haben. Sicher erinnere ich mich, dass wir in Vettweiß bei der Familie Grommes das erste Essen im Heimatort bekommen haben. Als erstes sahen wir von weitem, dass die Kirche „weg“ war. Wochen später erst traf auch die übrige Verwandtschaft wieder wohlbehalten in Vettweiß ein. Es sollte jedoch nicht unser letztes Problem in der Heimat sein, denn in unsere Wohnung an der Krautfabrik durften wir - wie ich anfangs schon sagte - wegen den Amerikanern noch nicht. Wir stellten fest, dass aus unserer Wohnung diverse Sachen und Möbelstücke weg waren.  „Liebevolle“ Zeitgenossen hatten Türen zu unserer Wohnung aufgebrochen und sich schamlos bedient, den Rest hatten die Amerikaner in einen Lichtschacht geworfen. Das Schicksal führte uns also erneut an meinen Geburtsort in der Küchengasse zurück in die Vikarie (heutige leerstehende Post), wo wir dann übernachten konnten. Irgendwann war es jedoch wieder möglich, in die Wohnung an der Krautfabrik zurückzukehren.

Nun musste es für uns Kinder ja auch mit der Schule irgendwie weiter gehen. Im alten Kindergarten in der Villa Schwecht fand dann anfangs der erste Unterricht statt. Frau Mang war aus Ulm wieder nach Vettweiß gekommen, wo sie sich bei Verwandten zur Kriegszeit aufgehalten hatte. Auf Befragung kann ich sagen, dass ich alle meine Pflichtschuljahre in Vettweiß absolviert habe. Die durch den Krieg versäumte Schulzeit musste natürlich nachgeholt werden.

Wir kriegten von den Amerikanern die sogenannte Schulspeise, die mit Kübeln gebracht wurde und in „Mittchen“ (Essbehältnis) umgefüllt wurden. Hinzu kamen noch die allseits bekannten Carepakete.  Die Versorgung mit Speisen aus  zumeist Milchbrei und Haferflocken dauerte ungefähr ein Jahr. Aber  mit bloßer Schule war es damals noch lange nicht getan. Mit der gesamten Schulklasse mussten wir statt Schule zwei Tage pro Woche Rüben auf den Feldern der Bauern einzeln. Dabei lagen wir auf den Knien und rutschten von Rübe zu Rübe weiter. Vater war wieder beim Frohnhof beschäftigt und konnte seine Familie dadurch wieder ernähren. Im Herbst stand die Kartoffelernte vor der Tür, daher sprach man früher auch oft von den sogenannten Kartoffelferien. Wiederum mit der gesamten Klasse ging es dann ins Feld und es wurden Kartoffelkäfer aus den Blüten gesammelt, damit diese Schädlinge nicht die Kartoffelernte gefährdeten. 

Wenn ich nun gefragt werde, ob und was ich von meinen Eltern über den 1. Weltkrieg weiß, so muss ich sagen, dass dies in unserer Familie kein Thema war, zumal die Kriegswirren des 2. Weltkrieges ja gerade erst frisch in Erinnerung waren und uns voll in Anspruch nahmen.
Mein Vater musste sofort nach Schulende beim Bauern arbeiten. Ich weiß auch gar nicht, wie er alles in den Vereinen bezahlen konnte. Es gab ein sogenanntes Doppelquartett, das fast alle Vereine gegründet hat. Insgesamt waren sie mit acht jungen Leuten zusammen, die zusammen hielten und sich um Vereinstätigkeiten kümmerten.
Ein Theaterverein, ein Turnverein und natürlich das Tambourcorps waren seine Hauptvereine. Im letztgenannten Verein war er ja lange auch Tambourmajor. Rony Engels war ebenfalls im Tambourcorps. Im Zusammenhang mit dem Turnverein sind mir neben meinem Vater Heinrich Tesch noch Franz Barth, Otto Hülden, Hubert Peil, der Heimbach und Kaspar Clemens noch in Erinnerung. 

An den Theaterverein habe ich natürlich auch noch gute Erinnerungen, weil ich neben meinem Vater auch selbst mitgespielt habe. Ich habe insbesondere gesungen. Zu der Zeit war ich so 18/19 Jahre alt. Also muss es ca. 1953/1954 gewesen sein. Meine Schwester Marianne war auch dabei, dann noch Anna Tesch (Siemen), Johann Malsbenden, Kaspar Clemens, Hubert Peil, der Vater von Dieter Schneider (als erster wohl im Krieg gefallen), Eta Malsbenden, Wilhelm Imdahl, Barthel Heimbach und Heinrich Falter. Wenn ich mir noch einmal die Bilder hier in dem Album anschaue, wundere ich mich heute noch, dass wir das alles überhaupt nach dem Krieg noch hatten. Für meine Mutter war es wohl unheimlich wichtig, die Bilder mitzunehmen. Sie hat alle Bilder von damals mit nach Thüringen und auch wieder mit zurück genommen.

Von Vater weiß ich, dass er acht Jahre zur Schule ging und die Frau Mang noch als Sportlehrerin hatte.  Meine Mutter Klara stammt aus Frauwüllesheim und ist eine geborene Wallraff. In Frauwüllesheim gab es zwei Familien Wallraff, wobei die andere Familie dort die Poststelle innehatte. Mama musste auch früh in ein Arbeitsverhältnis direkt nach der Schule. Sie hat in Vettweiß - wie schon einmal erwähnt - bei der jüdischen Familie Pollack nach Schulende schon gearbeitet und auch da gewohnt. Dort herrschte ein gutes Arbeitsklima für meine Mutter. Pollacks sorgten auch dafür, dass Mama einiges für die Aussteuer bekam.

Herr Pollack hat ihr mal aus dem Konzentrationslager geschrieben, ob sie ihm Salz schicken könne. Das hat sie dann auch gemacht, was aber wahrscheinlich nie dort angekommen ist. Die älteren Leute im Ort erzählten sich, dass die Eheleute Pollack wahrscheinlich beide in den Konzentrationslagern umgekommen seien.
Mein Vater ging im Hause Pollack pussieren, durfte aber nur jeweils immer in der Küche Platz nehmen. Punkt 10.00 h abends sei dem Vernehmen nach Frau Pollack gekommen und habe gesagt „Heinrich, jetzt musst Du nach Hause gehen.“ Nach dem Krieg liefen diverse Leute im Ort rum und wollten an unterschiedlichen Stellen im Rahmen der Entnazifizierung ein Leumundszeugnis erhalten. Meine Eltern haben sich aber dabei aber immer raus gehalten. 

Etwas möchte ich aber nicht aussparen: Das Schnapsbrennen. Abgeschottet und geheim vor uns Kindern und der Öffentlichkeit, weil ein striktes Verbot bestand, wurde vielerorts „gebrannt.“ Es wurden zum Beispiel Rübenschnitzel, die als Viehfutter dienten, in der Krautfabrik gestohlen, um aus ihnen Schnaps zu brennen, der berühmte „Knolli Brandi.“
Dann tauchte eines Tages bei uns der frühere Ortsgruppenleiter der NSDAP Dohmen auf. Der gleiche Typ, der viele Jahre vorher und Kraft seiner Gesinnung meine Eltern drangsaliert hatte, weil meine Mutter bei Juden gearbeitet hatte und bat mit einer Dreistigkeit meinen Vater um einen Leumund für seinen bevorstehenden Entnazifizierungsprozess. Ihm wurde dezent die Tür gewiesen.

Anfang der 50er Jahre erschienen in Vettweiß zwei amerikanische Herren. Sie gaben sich als Neffen von Moritz und Selma Pollack zu erkennen. Ihre Eltern waren schon früh vor den Nazis nach Amerika emigriert und hatten auch am Krieg gegen Deutschland teilgenommen. Sie wollten sich ganz einfach einmal nach dem Vermögen ihrer Verwandten erkundigen, etwa nach Hausrat, Porzellan und Bestecken, was für sie nichts anderes als Erinnerungsstücke wären. Doch sie stießen auf eine Mauer des Schweigens, obwohl vielen bekannt war, wo alles eingelagert war.

Sollte sich denn das Verhalten zu dieser Zeit immer noch nicht geändert haben, stellte sich so manch einer beschämt die Frage, als die Neffen wieder abreisten, nicht ohne zu verstehen zu geben, dass sie nichts anderes erwartet hätten und nur einmal die Gesinnung prüfen wollten.
Abschließend möchte ich sagen, dass es eine irre Zeit war, angefangen bei unseren Großeltern und dann bei unseren Eltern aller Familien. Was haben diese Leute nicht alles erlebt und ertragen müssen. Teilweise zwei Weltkriege, Verfolgung, Entbehrungen, Evakuierung und so manches andere Leid.

Wenn man heute in einem freien, vereinten und barrierefreien Europa, das die Feindschaft untereinander abgelegt hat, leben und sich bewegen kann, dann gilt es dafür einzustehen, damit sich solcher Irrsinn wie in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts nicht wiederholt.

 

Hier habe ich noch zwei Bilder meiner Familie

Diese Bild zeigt das Wohnhaus des Schuhmachermeisters Josef Tesch und Elternhaus meines Vaters Heinrich Tesch aufgenommen ca. zwischen 1910 und 1912.

Wohnhaus Schuhmachermeisters  Josef-Tesch 1910Wohnhaus Schuhmachermeisters Josef-Tesch 1910

Zu sehen sind die Eheleute Peter Josef Tesch u. Katharina geb. Hochschon mit den Kindern Paula, Maria, Engelbert, Arnold und Heinrich sowie einem fremden Kind und einem Gesellen

Opa Josef-Tesch 50-Jahre SchuetzenOpa Josef-Tesch 50-Jahre Schuetzen

Dieses Foto zeigt meinen Opa Josef Tesch anlässlich seiner 50jährigen Mitgliedschaft in der Schützenbruderschaft Vettweiß           
* 24.10.1875 Vettweiß