Leben und überleben in der Nachkriegszeit

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Leben und überleben in der Nachkriegszeit

HauptstrasseHauptstrasse Februar 1945Am 09. Mai 1945, vor 75 Jahren, endete mit der deutschen Kapitulation der 2. Weltkrieg. Mit dem Einmarsch der Amerikaner am 27. Februar 1945 in Vettweiß war der Krieg für die im Ort verbliebenen ca. 100 Personen so gut wie beendet. Der überwiegende Teil der Vettweißer Bevölkerung hatte nach dem Bombenangriff vom 30. November 1944 den Weg in die von den Nazis verordnete Evakuierung antreten müssen. Viele hatte es bis nach Thüringen verschlagen. Die Rückkehr sollte sich für manche Evakuierten aufregend, angstvoll und über einen langen Zeitraum erstrecken, für andere weniger schwierig, aber deshalb nicht gefahrloser. Die Evakuierten drängten auf schnelle Rückkehr in die Heimat. Oft zog sich das Vorhaben schleppend über Monate hin, verbunden mit vielen Enttäuschungen. Die Evakuierten wußten wo ihre Heimat war, im Gegensatz zu den Vertriebenen aus den verlorenen Ostgebieten Deutschlands, die nun gegen Westen zogen um hier eine neue Heimat zu finden. Das Ausmass kam einer Völkerwanderung gleich. So suchten und fanden Geflohene aus dem Osten auch in Vettweiß einen Neuanfang.

Was fast alle bei ihrer Rückkehr im Heimatort Vettweiß vorfanden, ob evakuiert oder geblieben, waren Kriegsschäden, mutwillige Zerstörungen an Gebäuden, komplett gestohlener oder zerstörter Hausrat. Die meisten Häuser waren ja verlassen zurück geblieben. Egal ob frei oder unfrei, ob verschlossen oder unverschlossen, die Grundstücke, die Häuser, die Wohnungen präsentierten sich einladend zugänglich für jedermann. Nicht nur die deutschen und amerikanischen Soldaten plünderten die verlassenen Häuser, eingefleischte Parteigänger, sowie Teile der verbliebenen Zivilbevölkerung bedienten sich an allem was brauchbar erschien. Man nannte diesen Diebstahl schlicht „organisieren“. Es bestanden keine Skrupel Dachziegel eines unversehrten Hauses, dessen Besitzer sich noch in der Evakuierung befanden, abzudecken um damit Schäden an seinem eigenen Haus zu beheben. Eigenes Mobilar und Geschirr erkannte manch Evakuierter nach seiner Rückkehr in nicht weit entfernt gelegenen Häusern wieder. 2 Tage nach Kriegsende verfügte der Dürener Landrat Seeger, dass es Zivilisten verboten sei sich in fremden Häusern und verlassenen Fabriken ohne amtliche Erlaubnis aufzuhalten. Zuwiderhandlungen würden strengstens bestraft.

Christoffels InnenhofInnenhof Fam. Christoffels KettenheimGroßes Aufräumen, Instandsetzungen von Gebäuden, die Verfüllung von Bombentrichtern im Ort und auf den Feldern waren mit Kriegsende, für Vettweiß aber bereits mit dem Einmarsch der Amerikaner, unabdingbar. Improvisation, Ideenreichtum waren angesagt, nicht nur bei den Instandsetzungen, sondern auch was die Versorgung mit allen Lebensnotwendigkeiten betraf, insbesondere die der Ernährung. Durch den verheerenden Bombenangriff auf Düren am 16. November 1944 war die gesamte dort angesiedelte Industrie ausgelöscht. Per Verfügung wurden die Landwirte verpflichtet, arbeitslose Fabrikangehörige in Lohn und Arbeit zu nehmen.

Den Verlierern des Krieges standen mehr als harte Zeiten bevor, wobei die Landbevölkerung ausgemachte Vorteile gegenüber der Stadtbevölkerung hatte, da es auf dem Land eine gewisse Art von improvisierter Selbstversorgung gab. So mancher Familie gelang mit Tauschgeschäften die Anschaffung von Hühnern, Schweinen, Ziegen oder Kaninchen. Die Stadtbevölkerung fuhr dagegen in überfüllten Zügen aufs Land. Hamstern war das Gebot der Stunde; wollte man nicht dem Hungertod ausgeliefert sein. Die Sterblichkeitsziffer durch Unterernährung und Krankheiten stieg bedrohlich an, besonders die von Säuglingen und Kleinkindern. Diese ausgemachte Not hielt die Hungernden mitunter nicht davon ab auf den Feldern zu organisieren. Man hungerte.

Schon weit vor Kriegsbeginn im Jahre 1939 hatten die Nationalsozialisten Sammel- und Erfassungsstellen eingerichtet, an die festbestimmte Kontingente an Getreide und Kartoffeln durch die Landwirte verpflichtend abzuliefern waren, die dann in den Verteilungskreislauf für Saatgut und Ernährung einflossen. Die für das Verteilgebiet Vettweiß bestehende Sammelstelle war im Dezember 1944 geschlossen worden. Die Amerikaner verfügten aber bereits Anfang März 1945, dass diese aufgegebene Sammelstelle unter deutscher Führung ihre Arbeit sofort wieder aufzunehmen habe. Doch was gab es zu verwalten, was zu verteilen? Geringe Mengen, alles leicht überschaubar, denn auch die Sammelstelle war von der Plünderung der Verbliebenen nicht verschont geblieben. Der verantwortliche, die Sammelstelle befehlende amerikanische Major hatte vorrausschauend die aufkommende Not erkannt und die Wiedereröffnung verfügt. Er sorgte dafür, dass der Sammelstelle auch amerikanischer Nachschub zugeordnet wurde, was sich nachhaltend als Treffer erweisen sollte. Die in Vettweiß Verbliebenen und alle aus der Evakuierung Heimkehrende erhielten, so sie eine Gartenparzelle vorweisen konnten, Saatgut aus den spärlichen Restbeständen zur sofortigen Aussaat. Auch wurde den Familien, die über keinen Garten verfügten, eine Kleinparzelle, ohne lange Debatten und auf Anordnung der Besatzer, zur sofortigen Eigennutzung angewiesen. Da diese aber meistens weit vom Wohnhaus aus gelegen war, betrachteten viele Leute dies als Einladung auf Selbstbedienung. Sie kamen den Besitzern oft zuvor, die Erzeugnisse abzuernten. Saatgut für die Feldbestellung wurde durch amerikanische Befehlsgewalt beschafft und unter Aufsicht verteilt.

Zahlreiche Verfügungen der Militärregierung wurden ab April 1945 erlassen. Um einige zu nennen: Alle Schlachtungen sind unter Strafandrohung meldepflichtig. Ohne Erlaubnis darf kein Betrieb eröffnet werden. Schärfste Kontrolle der Buttererzeugung und der anfallenden Milch. Ermittlung der Mindestmenge an Kohle und Brikett insbesondere an Bäckereien. Reisebeschränkungen. Reisegenehmigungen. Beschlagnahme aller gummibereiften Fahrzeuge. Instandsetzung aller Friedhöfe in kürzester Zeit, auch verwüstete Judenfriedhöfe durch bekannte örtliche Nazi- Parteibonzen. Die Herausgabe von Kartoffeln außerhalb des Kreises ist strengstens untersagt. Kleinhandelsgeschäfte zur Durchführung geordneter Lebensmittelverteilung sind wieder zu öffnen. Der Preisstopp bleibt bestehen, Preisüberschreitungen werden strafrechtlich verfolgt.

Erschwerend für eine notwendige Versorgung fiel dazu im Herbst 1945 die Feldernte auch noch spärlich, auf manchen Parzellen gänzlich aus. Hatte sich doch die zeitige Aussaat im Herbst 1944 als äußerst schwierig erwiesen. Täglichen Tieffliegerangriffen waren die Feldarbeiten ausgesetzt. Dazu waren viele Felder rund um Vettweiß von Bombentrichtern und herumliegender Munition übersät. Die Verfüllung der Trichter konnte nur per Hand und Schlagkarre erfolgen. Herumliegende Munition wurde einfach in den Bombentrichtern entsorgt. An Raupenfahrzeuge war nur im Traum zu denken und schon gar nicht von den Engländern zu erhalten, die die Besatzung des nördlichen Rheinlandes Ende Juni 1945 von den Amerikanern übernommen hatten.

Deutschland war schon weit vor Kriegsende von den Alliierten in vier Besatzungszonen aufgeteilt worden, die mit dem 5. Juni 1945 verwirktlicht wurden. Dies animierte den Kölner Karnevalisten Karl Berbuer zu seinem berühmten Karnevalsschlager: „Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien“. Damit bezeichnete er im Jahre 1948 das Gebildeaus amerikanischer, britischer und französischer Besatzungszone. Da das Deutschlandlied verboten war, wurde Berbuers Lied bei internationalen Sportveranstaltungen in Köln, noch viele Jahre nach Kriegsende, als Ersatz gespielt und lautstark abgesungen. Englische und russische Presseorgane reagierten sofort: „ Die Deutschen werden wieder frech“.

VersorgungskarteVersorgungskarten von 1945Was zu dieser Zeit, ab Juni 1945, wohl ausnahmslos in Deutschland funktionierte war der Druck von Versorgungskarten, ohne die es in den Läden nichts zu kaufen gab, und dies auch nur, wenn Ware vorhanden war. Es kam einem Lotteriespiel gleich. Wegen der Verknappung entwickelte sich ein verbotener aber florierender Schwarzmarkt. Gehandelt wurden Waren unterschiedlichster Art. Karten gab es vielfältig, für Lebensmittel, Brot, Kleidung, Schuhe, Seife oder Heizmaterial, wobei noch eine Unterteilung in Schwerarbeiter, Normalarbeiter, Frauen und Kinder vorgenommen wurde. Die Vorräte aus der spärlichen Ernte von 1945 gingen Mitte 1946 allmählich allseits zur Neige. Die britische Ernährungsbürokratie sah sich gezwungen, die Lebensmittel noch stärker zu rationieren. Der britische Feldmarschall Montgomery verfügte, dass täglich 1000 Kalorien für Schwerarbeiter ausreichend seien, nebst einer entsprechenden Abstufung für andere Personengruppen. Er verteidigte seine Verfügung damit, dass die Deutschen im Vernichtungslager Bergen-Belsen für Häftlinge 800 Kalorien als völlig ausreichend erachtet hätten. Worte herausgestreut wie ein Regenschauer.

Die Amerikaner hatten bereits im Jahre 1944 den sogenannten „Mogenthauplan“ entworfen, wonach das gesamte Deutschland ausnahmslos in einen Agrarstaat umzuwandeln sei. Dieses Ansinnen wurde zum Glück wieder verworfen.

Die Lage in den Dörfern, so auch in Vettweiß, war nicht mit der in den Städten zu vergleichen. Die Landbevölkerung kam dabei glimpflicher davon, auch dank allseitiger hilfsbereiter bäuerlicher Unterstützung. Kein Vergleich zu der misslichen Lage der Stadtbevölkerung. Diese war fast täglich gezwungen, wollte man überleben, auf dem Land Essbares zu erwerben. Das sogenannte Hamstern war allgegenwärtig. Unruhen und Konflikte mit der schwerfälligen und wortwanstigen Ernährungsbürokratie waren die Folge. Aufkommende Gewalt von vor Hunger und Entbehrungen ausgezehrter Menschen konnte nur mit Mühe verhindert werden.

Hungerwinter 1946/47 - Hamsterzeit

Die Versorgungslage verschlimmerte sich nochmals. Der Winter 1946/47 dauerte von November bis März. Jetzt fehlte es plötzlich vermehrt an Heizmaterial. Die Temperatur fiel im Dezember 1946 auf minus 20 Grad. Im Januar fror der Rhein auf einer Länge von rund 60 Kilometer gänzlich zu. Kälte kann schlimmer als Hunger sein. Eisblumen bildeten sich in dicken Schichten auf den Fensterscheiben. Die Kälte setzte sich im Gemäuer fest, zog bis unter die Bettdecke. Geschlafen wurde, wenn überhaupt, dick eingepackt in Wintermänteln. Als wärmend dienten selbst Schnapsflaschen aus Ton. Mit heißem Wasser gefüllt, gaben sie die Wärme länger ab als die bekannten Gummiflaschen. Auch wurden im Backofen vorgewärmte Ziegelsteine, in Handtücher eingewickelt, als Fußwärmer ins Bett gelegt. Die Wälder waren leergefegt von Ästen und Reisig, für städtische Bäume galt generelles Fällgebot, da Heizmaterial an allen Ecken und Enden fehlte. In dieser Situation ergriffen die Menschen die Eigeninitiative. Wann immer sich die Gelegenheit bot, sprangen sie an Steigungen auf langsam fahrende Kohlenzüge auf, die Brikett und Kohle aus dem Ruhrgebiet unter Bewachung gen Süddeutschland transportierten, um Heizmaterial für die Eigennutzung abzuwerfen und zu sammeln. Dieses “Entnehmen“ wurde von den Besatzern nicht geduldet, es setzte bei Ergreifen der an Not Leidenden harte Strafen.

Einer, der den Menschen, angesichts der unvorstellbaren Not, aber eine Stimme gab, war der Kölner Kardinal Joseph Frings. Besonders in diesem so bezeichneten Hungerwinter, wo sich weißer Tod und schwarzer Hunger die Klinke täglich, ja fast stündlich, abwechselnd die Hand gaben.

Kirchen, von Kriegszerstörung einigermaßen verschont geblieben, waren seit Kriegsende und besonders an den Weihnachtstagen bei allen Gottesdiensten von Gläubigen überfüllt. Not lehrt beten.

So nutzte der Kardinal seine Predigt zum Weihnachtsfest 1946 zu einer Abrechnung. Mit überaus heftigen Worten prangerte er die anhaltend unzureichende Versorgung der Bevölkerung durch die Besatzer und Behörden an. Diesen wohlgesetzten Worten folgte eine Woche später seine Predigt zum Neujahrsfest 1947 Für Joseph Kardinal Frings ward es an der Zeit die zunehmende Gleichgültigkeit der Besatzer und die der Behörden, denen die Versorgung der Bevölkerung oblag, noch entschiedener anzuprangern. Es war eine Predigt, die wie ein Lauffeuer durch Städte und das ganze Land ging und die darbende Bevölkerung geradezu elektrifizierte.

„Wir leben in einer Zeit, da in der Not auch der einzelne das wird nehmen dürfen, was er zur Erhaltung seines Lebens und seiner Gesundheit notwendig hat, wenn er es auf andere Weise, durch seine Bitten oder durch seine Arbeit, nicht erhalten kann.“

Fringsen"Fringsen" von Brikett und KohleDie Predigt kam an, und wie. Alle Leute verstanden, dass damit eine kirchliche Legitimation zum Diebstahl und zum Kohlenklau gegeben war. Die um nichts verlegenen und sprachschöpferischen Rheinländer ersetzten die bislang verpönten Worte “stehlen oder klauen“ durch das wohlwollende Wort “fringsen“. Es ist verbrieft, dass das “Fringsen“ von Brikett und Kohle von den Zügen nach des Kardinals Neujahrsbotschaft sprunghaft anstieg.

Durch diese Botschaft hatte der Kardinal aber den Ärger der britischen Besatzungsmacht weiter angefacht. Deren Verfügung, der Kardinal solle widerrufen, ließ er unbeantwortet, für ihn in dieser Situation sicherlich nicht mehr als ein britischer Phrasenhaufen. So wurde er durch den britischen Regionalgouverneur Asbury nach Düsseldorf ins Hauptquartier einbestellt. Als dieser den Kardinal zur Unterredung provozierend lange warten ließ, machte sich Frings, der dies gewiss als stickdunstigen Mief betrachtete, kurzentschlossen auf den Heimweg. Die Briten fühlten sich veralbert und erwogen tatsächlich in ihrem Zorn Joseph Kardinal Frings verhaften zu lassen. Besonnenere Offiziere rieten von der angedachten Maßnahme dringend ab, da selbst die Nazis eine Verhaftung noch nicht einmal gewagt hätten. Das Verhältnis zwischen Kardinal und den Briten blieb angespannt, ja angekratzt. Es sollte sich aber mit der Zeit, bei nunmehr etwas intensiveren Bemühungen der Briten auf bessere Zuteilungen, langsam, ganz langsam entspannen.

Die Not blieb, die Versorgung der Bevölkerung spitzte sich in der ersten Jahreshälfte 1947 und dem darauffolgenden Winter ein weiteres Mal zu. Auf den extrem kalten Winter 1947 folgte einer der heißesten Sommer seit über 100 Jahren. Die Hoffnung auf eine einigermaßen gute Ernte schmolz dahin, die Frucht verdorrte teilweise auf den Feldern. Für viele Menschen, die schon die Not während des 1. Weltkrieges erlebt und überstanden hatten, eine mehr als speiüble Erinnerung, beginnend mit dem Steckrübenwinter 1916/17. Fast die gesamte Kartoffelernte von 1916 war durch Kartoffelfäule vernichtet. Eingelagerte Steckrüben, Viehfutter gleich, wurde an die Bevölkerung proportioniert mit dazugehörigen Rezepten verteilt. Zum Beispiel, die Rüben schälen, in feine Streifen schälen, mit Wasser abdecken, geschnittene Zwiebel, Pfeffer und Salz zugeben, gar kochen lassen, stampfen, umrühren, fertig.   Guten Appetit.

Was blieb schon in diesen Jahren anderes übrig als das Hamstern. Zu Tausenden suchten Stadtbewohner die ländliche Umgebung auf, um Essbares im Tausch gegen Wertgegenstände zu erstehen.

RucksackOriginal Rucksack der US-ArmeeNicht anders also in 1946, die Situation wiederholte sich quasi. Der Hunger trieb die Menschen weiterhin an, auf dem Land zu hamstern. Die Angst verhungern zu müssen, zog sich wie schleichendes Gift durch die Gedanken. Die wenigen Züge, die in unregelmäßigen Abständen fuhren, waren stets überfüllt. Es hielt die Leute nicht davon ab auf den Trittbrettern stehend mitzufahren. Sie versuchten alle möglichen Gegenstände und Wertsachen gegen Nahrungsmittel zu tauschen. Teppiche, Schmuck, Kleidung boten die abgemagerten Personen gegen Kartoffel, Butter, Speck, oder was auch immer an Essbarem zum Tausch an. Als “Renner“ unter den Tauschobjekten boten sie eine wahre Menge an Rosenkränzen an. Die Kränze hatten, nach Ausführung der Bittenden, oft mehrmalige Segnungen in Kevelaer aus vielerlei religiösen Anlässen erhalten. Diese Geschichten erreichten und erweichten die frommen Herzen vieler Landwirtsfrauen, die genau wussten, dass das schwerste auf der Welt ein schweres Herz ist.

Aus Erzählungen ist bekannt, dass Familien, die selbst am Existenzminimum darbten, sich den Bittenden nicht verschließen konnten und von ihren bescheidenen Mitteln noch abgaben. Das Mitgefühl überwog, wenn ausgezehrte Menschen in tiefem Schnee, der alles überdeckte was die Natur zu bieten hatte, stehend um Hilfe baten. Wenn dann ein freudiges Gesicht die Stimmung des Herzens verriet, dann erkannte der oder die Gebende, dass, was ein Mensch an Gutem in die Welt hinausgibt, nicht verloren geht. Sie fühlten sich glücklich, selbst bei ihrer eigenen misslichen Lebenslage, wenn sie sagen konnten: „Ich habe eine Träne trocknen können“, und das dankbare Lächeln sie in eine wärmende Wolke hüllte, denn wer lachen kann, wo man hätte heulen müssen, bekommt wieder Lust zum Leben.

Die Kehrseite der Medaille zeigte aber auch, dass man mit der Not anderer Leute Geschäfte machen konnte. Es gab Zeitgenossen, die sich Lebensmittel überteuert bezahlen ließen, was den Spruch von Teppichen in den Kuhställen zur Folge hatte. Dann gab es noch die überaus große Gruppe der Ärmsten der Armen. Viele Hungernde hatten einfach keine Sachen zum „verhamstern“. Sie waren, weil ausgebombt, gänzlich ohne Tauschmittel. Was blieb? Bittend und bettelnd zogen sie durchs Land, auf die Barmherzigkeit, das Wohlwollen von Angesprochenen vertrauend. Nicht alle waren willkommen. Oftmals erfuhren sie barsche Ablehnung und wurden mit Beschimpfungen und übler Grimasse, die oftmals aussah, als plagten die äußeren Venenknoten (O-Ton Hamsterer), abgewiesen.

Zu dieser Zeit herrschte in Vettweiß, und nicht nur hier, ein gewisses “Hobby“ vor. Das Brennen von Schnaps aus Zuckerrüben, Rübenkraut und sonstigen zum Brennen geeigneten Substanzen, bestens bekannt als “Knolli Brandy“, was durch die Obrigkeit verboten war und durch polizeiliche Ordnungshüter kontrolliert wurde, oder besser gesagt, kontrolliert werden sollte. Eine gekonnte Destillation zauberte so manche hochprozentige Köstlichkeit hervor, was aber nicht immer gelang. Manchmal war das Endprodukt ohne betäubte Geschmacksknospen kaum zu ertragen. Gemäß der Erkenntnis, dass das Glück das einzige ist, das sich verdoppelt, wenn man es teilt, wechselte auch manche Flasche ohne Gegenwert den Besitzer. Dies soll, so überliefert, bei dem einen oder anderen Hamsterer funkelnde Augen, einem polierten Onyx gleich, hinterlassen haben.

Noch in den Jahren 1949 und 1950 zog es Kölner Karnevalisten, wie Jupp Schmitz, Karl Berbuer, Sitzungspräsident Wissbaum und andere nach Vettweiß. Die Gage für ihre karnevalistischen Auftritte wurde stets in Naturalien, beispielsweise in Butter, Speck, Kartoffeln oder auch mit einem Eimer Rübenkraut ausgezahlt.

Wechsel von der amerikanischen in die britische Besatzungszone

Mit der Einnahme von Vettweiß durch die Amerikaner, richteten diese in der Gaststätte Hülden sowie im angrenzendem Saal Verwaltung und eine Feldküche für ihre Soldaten ein. Für Kinder und Jugendliche des gesamten Ortes war dies eine willkommene Anlaufstelle, hoffend etwas Essbares ergattern zu können.

Die amerikanischen Soldaten ließen sie gewähren, wenn sie aus bereitstehenden Tonnen das entsorgte Brot oder anderes Essbare entnahmen. Sie hatten ihren Spaß, wenn sie gerade angerauchte Zigaretten wegschnippten, um dann das einsetzende Gerangel der Kinder um die Kippen amüsiert zu verfolgen. Den Kindern war dies egal, die Freude schmachtender Raucher daheim umso größer.

Mit dem angesprochenen Wechsel der Briten auf die Amerikaner, Ende Juni 1945, änderte sich die Versorgungslage der Bevölkerung in keinster Weise, im Gegenteil, sie wurde noch miserabler. Die bestehende Militärküche blieb im Garten der Gaststätte platziert, der angrenzende Saal diente weiterhin als Kantine und Vorratslager für den Eigenbedarf der britischen Besatzer.

Eine Geschichte wiederholte sich. Nach Ende des 1. Weltkrieges hielten die Briten das Rheinland besetzt, bis sie im November 1919 von den Franzosen abgelöst wurden. Auch damals hatten sie die Gaststätte Hülden nebst Saal für Verwaltung, Feldküche und Kantine in Beschlag genommen.

In der Hoffnung, dass sich die leicht erkennbare Großzügigkeit der Amerikaner durch die Briten fortsetzen würde, belagerten die Kinder weiterhin die Saalzugänge an der Hauptstraße wie den rückwärtigen Zugang zum Schwarzen Weg hin. Ihre Erwartung wurde oftmals durch gebefreudige Soldaten erfüllt. Diese waren aber der Gefahr ausgesetzt, durch den kommandierenden Offizier bei der verbotenen Abgabe ertappt zu werden, so dass die Soldaten versuchten, diesen immer auf Abstand zu halten. So manches Brot, Aufstrich oder Süßigkeiten wurde den Kindern zugesteckt. Hielt sich der Offizier am Eingang Hauptstraße auf, wechselten die Kinder zum rückwärtigen Zugang, und umgekehrt. Der Offizier immer Offiziersstöckchen, den „Swagger Stick“ unter der Achsel eingeklemmt tragend, als Symbol der Autorität, wurde von den Kindern bald nur noch als der “Knöppelchesjong“ bezeichnet, in dessen Gesicht sich stets das gefrorene Lächeln eines Reinhäuters widerspiegelte.

Als die Familie Hülden im Juli 1945 aus der Evakuierung nach Vettweiß zurückkehrte, wurde ihr der Zutritt zu ihrem Heim, zur Wohnung, Gaststätte und Saal kompromisslos durch die Briten untersagt. Eine Bleibe fanden sie im Nachbarort Gladbach, dem Heimatort von Frau Hülden. Nach Wochen langwieriger Verhandlungen und Betteln wurden der Familie Teile der oberen Etage als Wohnung zugestanden. Fraglos durfte sich Mutter Gertrud des Heizmaterials für die kalte Jahreszeit bedienen. Dieses war für die Besatzer in Fülle vorhanden und teilweise im Keller gelagert. Wann immer sie Kohlen per Eimer aus dem Keller holte, wurde der Eimer mit Essbarem und Konserven durch großherzige, einfache Soldaten bestückt. Als Tarnung vor der Befehlsgewalt der Offiziere diente stets als Abdeckung der Ware eine Lage Kohlen. Von diesem Kaloriensegen profitierte auch die gesamte Nachbarschaft, denn Unterstützung, gegenseitige Hilfe war das Gebot der Stunde, Egoismus war zu dieser Zeit anklagend verpönt.

November 1945. In Vettweiß wurde der Schulunterricht wieder aufgenommen. Im Frühjahr 1946 nahmen die neu ins Leben gerufenen Hilfsorganisationen ihre unterstützende Arbeit auf. Eine Maßnahme war, dass an den Schulen die Schulspeisung eingeführt wurde. Die Speise, die in Kübeln mehrmals die Woche zu Mittag angeliefert wurde, bestand zumeist aus Milchbrei, versetzt mit Haferflocken. Für jedes Kind wurde eine Portion in ein mitgebrachtes Essgeschirr (et Mittche) umgefüllt. Anfangs war die Speisung als willkommene, kalorienreiche und sättigende Zusatzernährung willkommen. Doch mit der Zeit wurden viele der Schulspeisung überdrüssig, was sicherlich der Eintönigkeit geschuldet war. Die speisenden Schüler konnten sich des Eindrucks nicht erwehren, Haferflocken würden ihnen langsam an den Ohren herauswachsen.

Im November 1944 musste auf Befehl der Nazis ein Großteil der Kühe aus der Eifel und der Börde in gesammelten Herden über den Rhein getrieben werden. Dieser irgendwie irrsinnige Befehl betraf kleine wie größere Betriebe gleichsam. Diesem Umstand war nunmehr geschuldet, dass die Aufstallung der landwirtschaftlichen Betriebe mit Kühen ab April 1945 sehr schleppend in Fahrt kam. Familien konnten sich ab dieser Zeit glücklich schätzen bei den Bauern in den Ställen 1 oder gar 2 Liter Frischmilch zu erstehen, was strengstens durch die Militärregierung untersagt war. Doch bei Dunkelheit sind bekanntlich alle Katzen grau. Das ergab dann oftmals eine wohlschmeckende Milchsuppe mit Brotresten, um am nächsten Tag eine Brotsuppe mit vortäglichen Milchresten servieren zu können.

Den Versorgungszustand mag man wie nachstehend erfassen.

Vater fragt; „Was gibt es heute zu essen?“  Mutter antwortet: „Milchsuppe“.
Vater: „Und was dazu?“  Mutter: „Löffel“.

NonnenSchwestern des Ordens der CellitinnenIm September 1945 bezogen Schwestern des Ordens der Cellitinnen, der Orden von der heiligen Gertrud aus Niederau, das Kloster. Sie lösten die Heiligenstädter Schulschwestern ab, die im Jahre 1919 die leerstehende Villa Schwecht bezogen hatten. Die Villa Schwecht wurde von ihnen in „St. Josephshaus“ umbenannt, im Volksmund fortan nur noch das Kloster genannt. Nach dem Bombenangriff auf Vettweiß hatten die Heiligenstädter Schulschwestern Zuflucht in ihrem Mutterhaus in Heiligenstadt gesucht um letztlich das Schwesternhaus Vettweiß ganz aufzugeben.

Den dringenden Bitten der nachfolgenden Cellitinnen auf Nahrungsmittel für äußerst Bedürftige und Sterbende konnten sich selbst die hartgesottenen britischen Befehlshaber in Vettweiß nicht verschließen, so dass die Schwestern bei der häuslichen Krankenpflege oft den Hunger der Bedürftigen lindern konnten. Die Sprache, die selbst die Briten scheinbar verstanden, ist die Sprache des menschlichen Gesichts. Gemäß dem Wort von Adolph Kolping: „Der Mut wächst immer mit dem Herzen und das Herz mit jeder guten Tat".

Hilfe aus USA

Radioreportagen und Zeitungsberichte machten die amerikanische Bevölkerung auf die große Not in Deutschland aufmerksam. Es gründete sich in den USA die Hilfsorganisation “Care“, die im November 1945 vom damaligen Präsidenten Truman die ausdrückliche Genehmigung erhielt, Rationspakete der Streitkräfte aufzukaufen, umzupacken und als Hilfe an die deutsche Bevölkerung auszuliefern.

Diese Pakete durften aber nur an bekannte Personen gerichtet sein, wobei sich die Zuteilung als äußerst schwierig herausstellte, da ja die Infrastruktur in Deutschland fast nicht mehr existierte. Auch einige wenige Vettweißer Care PaketCare-Paket aus USA Ende 1945Familien erhielten Pakete. Nach USA geflüchtete Juden, dem Holocaust entkommen, hatten ihnen stets wohlgesonnene Vettweißer Mitbürger nicht vergessen. Als die zur Verfügung gestellten Armeebestände aufgebraucht waren, stellte die Organisation eigene Rationen zusammen, die nach ihrer Meinung der hiesigen Bevölkerung dienlicher sei. Die Pakete waren vorwiegend mit Milchpulver, Hefe, Seife, Rosinen, Maismehl und Dosen mit Chesterkäse gepackt, aber ohne Zigaretten oder vorgekochten Lebensmitteln, wie bei den Armeebeständen üblich. Ab 1948 wurden die Pakete von Care in riesiger Stückzahl nach Deutschland verschickt. Nicht mehr an ausgesuchte Adressen, sondern generell an Bedürftige. Die Verteilung übernahmen nun Hilfsorganisationen wie z. B. der Caritas-Verband.

Der Versorgungszustand der Bevölkerung war, wie bereits beschrieben, auf Dauer untragbar, wollten sich die Entscheider keinen aufkeimenden Unruhen, wie 1945 oder 1946, ausgesetzt sehen. Die 3 Westalliierten, unter amerikanischer Führung und Beteiligung deutscher Politiker, entschieden sich für eine Währungsreform. Ein rigoroser Schnitt und Schritt musste her.

Währungsreform

20. Juni 1948. Dieses Datum war der Startschuss in eine bessere Zukunft, die Währungsreform. In Trizonesien, den 3 westlichen Besatzungszonen, war die DM nun neues Zahlungsmittel. Die von Russland besetzte sowjetische Zone wurde bewußt und unter strengster Geheimhaltung ausgenommen.

Jeder Familienvorstand erhielt für jedes Familienmitglied, bei sorgfältigster Überprüfung, 40 DM. Jedem Einzelpersonenhaushalt standen ebenfalls 40 DM zu. Reichsmarkbestände wurden in geringem Verhältnis in DM umgetauscht.

Nichts bleibt aber so geheim wie es gewünscht wird. Ein, zwei Tage vor dem feststehenden Ausgabetermin blieb so manches Geschäft geschlossen. Eine sich anbahnende Änderung war förmlich zu ertasten. Per Aushang wurde von vielen Geschäften darauf hingewiesen, dass Warenlieferungen seit Tagen ausgeblieben seien und folglich keine Ware mehr zum Verkauf vorhanden sei. Dies geschah vorausschauend, um dann am 21. Juni mit diesen zurückgehaltenen Waren gewinnbringend in DM Kasse zu machen. So geschah es. Am 21. Juni waren alle Geschäfte mit Lebensmitteln, Toilettenartikeln, Zigaretten oder Schokolade prall gefüllt. Nicht selten stand per Aushang groß angeschlagen, dass es sich nicht um gehortete Ware handele, die mancher Käufer zwischen dem nunmehr großen Sortiment vermuten könne. „Ach ja, da sieh einer an“, die Verwunderung so mancher Zeitgenossen, die erkannten, dass Recht und Gerechtigkeit niemals im selben Haus wohnen würden, und sich schwer veralbert fühlten. Sie wussten auch, dass sich die Wahrheit wie das Wasser immer den richtigen Weg sucht, und dass es reizende Dummheiten und unausstehliche Klugheiten gibt. Frei verkäuflich gab es nun alles an Waren. Doch die Leute drehten die neu gewonnene D-Mark mehrmals um, ehe sie ausgegeben wurde. Die Zurückhaltung legte sich ganz langsam mit den ersten Auszahlungen der Arbeitslöhne. Vielen Menschen, die in der Nachkriegszeit um das nackte Überleben betteln mussten und größten Anstrengungen zum Überleben ausgesetzt waren, ist, wie sie noch heute berichten, ein überaus großer Respekt vor Lebensmitteln geblieben. Bedenkenlose Entsorgung stand nicht im Merkblatt.

Geblieben ist bis heute auch der bekannte Spruch vieler Bürger, die diese Notjahre schmerzlich erlebt haben, gegenüber Mitbürgern, die einen  sorglosen und gedankenverlorenen Umgang mit Nahrungsmittel pflegten und pflegen:

„Du bess secher em völlije Johr gruss jewoode“  „Du bist sicher im völligen Jahr groß geworden“

Baeckerei InkSchwätzchen vor der Bäckerei InkAbschließend das Fazit einer Zeitzeugin: „Es war eine harte Zeit, eine sehr harte Zeit für all die Menschen, die den Krieg erlebten und überlebten. Doch wir hatten das uneingeschränkte Ziel uns die Zeit so schön zu machen, wie es eben ging. Wir haben bei allen Entbehrungen, es waren nicht gerade wenige, Spass und Freude am Leben wiedergefunden und diese Freude stets zu erhalten versucht. Und während der Kriegs- und Nachkriegsjahre ist mir von allen Gefährten, die mich begleiteten und umsorgten, keiner so treu geblieben wie mein Schutzengel“.

Den Millionen Menschen, die unter der unendlichen Mühsal der Kriegs- und Nachkriegszeit zu leiden hatten, dürfte auch klar gewesen sein, wie kostbar das Leben ist. Sie wollten sicher nicht vergessen, wie schön es zu leben sein kann und beherzigten gewiss die Erkenntnis:

„Vergangenheit ist Geschichte, Zukunft ist Geheimnis und jeder Augenblick ein Geschenk. Lebe so, dass Du das Leben zu nutzen verstehst.“

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Autor
Günter Esser

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