HVP Froitzheim

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HVP Froitzheim

PolizeistelleKommandantur Foto M. HalfmannBei einem Spaziergang über die Martinusstraße in Froitzheim in Richtung Soller fällt dem aufmerksamen Beobachter am Ende des Dorfes auf der rechten Seite ein heute privatwirtschaftlich genutztes Anwesen auf. Dabei handelt es sich um ein ursprünglich zu militärischen Zwecken errichtetes Gebäude mit einer wechselvollen und interessanten Geschichte, nämlich um ein Batterie Beständelager als Teil der Luftverteidigungszone West.

Ehemaliger VerbandsplEhemaliger Verbandsplatz Foto HGV Die Luftverteidigungszone West, im folgenden auch LVZ-West genannt, war ein entlang der Westgrenze installierter Gürtel von schweren und leichten Flakgeschützen. Durch ihre Feuerkraft sollten sie das Einfliegen feindlicher Bomber verhindern oder zumindest stören. Zu diesem Zweck wurden außerhalb der Orte rundum Froitzheim die erforderlichen Geschützstände mit den dazu notwendigen Nebeneinrichtungen wie Munitionsbunker, Mannschaftsunterkünfte, Versorgungsgebäude usw. gebaut.

Auch das Beständelager Froitzheim, im folgenden Flakhalle genannt, war Teil dieses Systems. Es wurde im Jahre 1939 nach einem einheitlichen Raster gebaut und bestand aus einer Geschützhalle und einem Verwaltungstrakt mit anschließendem Lagergebäude.

Die Geschützhalle war für die Unterbringung der 8,8 cm schweren Flakgeschütze sowie für die leichten Pakgeschütze (3,7 cm Kaliber) vorgesehen. Am 16.08.1939 wurde die Flakhalle erstmals kurzfristig militärisch genutzt und zwar von einer Flakbatterie, die überwiegend aus Österreichern bestand. Mangels vorhandener Unterlagen können schlüssige Aussagen über ihre weitere Nutzung während des zweiten Weltkrieges nicht getroffen werden.

Eine eigentlich artfremde Nutzung der Flakhalle ergab sich jedoch zu Ende des zweiten Weltkrieges. Mitte September 1944 richtete dort die an der Rurfront eingesetzte 89. Infanteriedivision einen Hauptverbandsplatz (HVP) ein. Das Gebäude war als solches für einen HVP nur bedingt geeignet, der Standort wegen seiner Nähe zur damaligen Front jedoch notwendig.

Froitzheim war jetzt zum „Lazarettort“ geworden und als solcher auch nach außen weithin erkennbar gemacht. So wurde unter anderem das Dach der Flakhalle und die Dächer der großen Scheunen mit dem international bekannten Rote Kreuz Zeichen versehen. Auch lag vor der Flakhalle ein riesiges Tuch mit dem Rote Kreuz Emblem. Dieses Schutzzeichen wurde von den englischen und amerikanischen Flugzeugpiloten erkannt und beachtet.

VerbandsplatzVerbandsplatz Quelle H. Gevert

So bot Froitzheim dank HVP seiner Bevölkerung auch einen gewissen Schutz vor den gefürchteten Fliegerangriffen. Dagegen war Vettweiß mehr oder weniger schutzlos, zumal der noch funktionsfähige Vettweißer Bahnhof als Entladebahnhof verstärkt für den Nachschub der Rurfront genutzt wurde. Aus diesem Grunde waren der Verfasser (Hermann Courth) und seine Geschwister Franz Herbert und Waltraud meist in Froitzheim bei ihren Verwandten Merckelbach untergebracht.

Da das Schicksal der 89. Infanteriedivision symptomatisch für das Schicksal der meisten deutschen Heereseinheiten war, sei an dieser Stelle folgendes festgehalten.

Die Division wurde zu Beginn des Jahres 1944 aufgestellt und sofort in der Normandie gegen Westalliierte Truppen eingesetzt. Bei den schweren Kämpfen im Kessel von Falaise wurde sie dann nahezu vernichtet. Danach wurde sie erneut aufgestellt und kam dann an der Rurfront zum Einsatz. Als Folge der schweren und verlustreichen Abwehrkämpfe in diesem Frontabschnitt wurde sie auch dort so zu sagen aufgerieben.

Infolge der Vielzahl von schweren und schwersten Verwundungen war die Arbeit des Sanitätspersonals sehr hart und nervenaufreibend. In der Regel wurden die Soldaten unmittelbar in der HKL vom Sanitäter oder von den Kameraden notdürftig verbunden. Dann wurden sie mittels Sankas (Sanitätskraftwagen), soweit diese überhaupt verfügbar, und Transportmitteln unterschiedlichster Art über holprige Feld- und Waldwege sowie schlecht ausgebaute Straßen nach Froitzheim gebracht. Das konnte Stunden dauern. Wie berichtet war allein die Fahrt die Hölle; viele Verwundete überlebten die Fahrt zum HVP nicht und verstarben schon während des Transports.

Im HVP erfolgte dann eine bessere medizinische Versorgung mit dem Ziel den Verwundeten transportfähig zu machen. Hatte man dieses Ziel erreicht, wurde die Verlegung in Reservelazarette oder Krankenhäuser im Bonner Raum veranlasst.

Die medizinische Versorgung erstreckte sich vornehmlich auf Verwundungen. Zur Behandlung von inneren Krankheiten hatte man die Froitzheimer Volksschule beschlagnahmt.  

Obwohl es sich bei dem HVP um eine reine militärische Einrichtung handelte wurden auch Zivilisten medizinisch behandelt. Beispielsweise wurden die anlässlich des Angriffs auf Vettweiß vom 30.11.1944 verwundeten Zivilisten zuerst in Froitzheim versorgt.

Die medizinischen Möglichkeiten waren allerdings sehr begrenzt. Es fehlte an allem, insbesondere an Blutkonserven. In Kenntnis dessen gingen manche Froitzheimer Bürger freiwillig zum HVP zur Blutspende. Diese lief wie folgt ab: Der Spender oder die Spenderin legten sich neben den Verwundeten auf eine Bahre und das Blut wurde unmittelbar vom Spender zum Empfänger übertragen. So wurde manches junge Leben vor einem unmittelbaren Tod bewahrt.

Im Übrigen ging das Leiden und Sterben an der Froitzheimer Bevölkerung nicht spurlos vorbei. Man half wo man nur helfen konnte. Wie dem Verfasser berichtet kochten manche Frauen auf heimischem Herd warme Mahlzeiten und brachten diese zum Verbandsplatz. Für die Verwundeten war dies eine willkommene Abwechslung von der auf dem Feldkochherd, auch Gulaschkanone genannt, bereiteten Verpflegung.

Die außergewöhnlich große Anzahl von verstorbenen Soldaten machte jedoch die Einrichtung einer geeigneten Begräbnisstätte erforderlich. Da die Kapazität des unmittelbar um die Kirche St. Martinus gelegenen Friedhofes bei weitem nicht ausreichte, wurde eine neben der Flakhalle gelegene Parzelle als Begräbnisplatz in Anspruch genommen.

Die Toten wurden offensichtlich ohne das in normalen Zeiten übliche militärische Zeremoniell und meist auch ohne Teilnahme eines Geistlichen in Einzelgräbern beigesetzt. Särge konnte man in dieser Menge nicht so schnell organisieren; man verwendete spezielle Papiersäcke.

Zuvor hatte man die verfügbaren persönlichen Daten der Verstorbenen in handschriftlich erstellten Sterbelisten erfasst. So findet man in den dem Verfasser leider nur lückenhaft vorliegenden Listen den Vor- und Zunamen, den Dienstgrad, das Geburtsdatum, das Datum des Todes, den Truppenteil und Nummer des Grabes.

Die Sichtung der auf den Sterbelisten vermerkten Truppenteile zeigt die Vielfältigkeit der zum Einsatz gekommenen Einheiten. Meist waren sie aus Restbeständen meist dezimierter anderweitiger Truppenteile zusammengesetzt. So findet man Grenadier Reg., Infanterie Reg., Pionier Btl., verschiedene Ersatzregimenter, Luftwaffen Btl., Fallschirmjäger Reg., Lehrgangsteilnehmer von Schulen verschiedenster Waffengattungen, Soldaten von Versorgungsdiensten, freiwillige russische Einheiten, mehrere Einsatzgruppen unterschiedlichster Art, Hilfswillige und auch Kriegsgefangene.

Es würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, sämtliche an der Westfront eingesetzten Teile der deutschen Wehrmacht hier aufzuführen. Der geneigte Leser wird auf die umfangreich vorhandene Fachliteratur wird verwiesen.  

An dieser Stelle bleibt festzuhalten, daß entlang der gesamten Westfront Hauptverbandsplätze für jede Division eingerichtet waren, so auch im benachbarten Kelz. Dort beschlagnahmte die 344 Volksgrenadierdivision im November 1944 das Kloster der Cellitinnen zur heiligen Gertrud aus Niederau und richtete dort ein Lazarett ein. Entsprechend groß war auch hier die Sterbeziffer, so daß ein eigener Soldatenfriedhof eingerichtet werden mußte. Ergänzend hierzu wird auf die Arbeiten von Herrn Ludwig Rey aus Kelz verwiesen, der zur Geschichte des Klosters, des HVP Kelz und der dortigen Kriegsgräberstätte umfangreiche Nachforschungen durchgeführt und dokumentiert hat.

Der grausame Krieg im Westen näherte sich bald seinem Ende. Die für Deutsche und Amerikaner verlustreiche Schlacht im Hürtgenwald ging verloren. Am 23. Februar 1945 überschritten amerikanische Truppen bei Düren die Rur und am 01. März 1945 besetzte das II. Bataillon des US Infanterie Regiments 39 der 9. US-Infanterie-Division von Soller her Froitzheim.

Die Deutschen hatten den HVP Froitzheim Anfang Januar 1945 aufgegeben und nach hinten in das St.-Nikolaus-Stift nach Füssenich verlagert.

Zurück blieben die Gräber der Gefallenen. Ihre Pflege oblag nach den gesetzlichen Regelungen nun der Zivilgemeinde.

Schon kurz nach dem Kriege wurde der Gedanke geboren, an zentraler Stelle Ehrenfriedhöfe für die Gefallenen deutschen Soldaten zu errichten. Dieser Gedanke wurde bald in die Tat umgesetzt und die Errichtung der Ehrenfriedhöfe Vossenack und Hürtgenwald durch den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. in die Wege geleitet.

Hierhin sollten sämtliche in den einzelnen Dörfern begrabenen Soldaten kostenlos umgebettet werden. Die Gemeinde schloss sich diesem Angebot an und so wurden laut Schreiben vom 21.08.1950 die 327 Kriegsgräber von Froitzheim zum Ehrenfriedhof Hürtgenwald verlegt. Die Arbeiten wurden durch ein Sonderkommando ausgeführt und durch einen Beauftragten des Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. überwacht.

Es bleibt festzuhalten, daß nicht alle Gefallenen zum Ehrenfriedhof Hürtgenwald überführt wurden. Es bestand auch die Möglichkeit der Umbettung auf den heimatlichen Friedhof. Hiervon machten viele  Angehörige der Verstorbenen auch Gebrauch. An eine solche Umbettung wurden strenge gesetzliche Anforderungen gestellt, die unter anderem in einem amtlichen Leichenüberführungsschein bzw. Leichenpass geregelt waren.

Ein Zeichen der Erinnerung an die in der Flakhalle verstorbenen Soldaten findet man in Froitzheim leider vergebens. Auch läßt sich das ehemalige Friedhofsgelände nicht mehr exakt umreißen. Es wurde in Bauland umgewandelt und ist inzwischen auch bebaut.

Der zukünftigen Entwicklung des Dorfes Rechnung tragend wurde in Sichtweite der Pfarrkirche ein neuer kommunaler Friedhof mit  Leichenhalle angelegt. Die Einweihung erfolgte am 24.11.1957.

Auf dem im Eigentum der Pfarrgemeinde St. Martinus befindlichen Friedhof fanden keine Bestattungen mehr statt. Die Entwidmung wurde in die Wege geleitet und am 18.09.1995 abgeschlossen.

Das gesamte Friedhofsgelände wurde dann eingeebnet und in eine Parkanlage umgewandelt. Einige alte Grabsteine erinnern daran, daß hier einmal die Begräbnisstätte von vielen Generationen Froitzheimer Bürger war.

Kriegerdenkmal Froitzheim neuNeues Ehrenmal Foto HGVZum Gedenken an die Opfer beider Weltkriege erinnert ein steinernes Ehrenmal vor der Pfarrkirche St. Martinus.

Kriegerdenkmal Froitzheim altAltes Ehrenmal Foto HGVDas alte, unmittelbar an der Mauer der Pfarrkirche gelegene   Kriegerdenkmal wurde aus heute nicht nachvollziehbaren Gründen leider entsorgt.

 

 

 

Die vorstehende Arbeit wurde von den Mitgliedern des Heimat- und Geschichtsvereins Vettweiß, Hermann Courth und Alfons Esser gefertigt.

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